Auf Tuchfühlung: Stoffläden in Göttingen

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser Blogbeitrag ist vor der Einschränkung des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Pandemie entstanden. Wir veröffentlichen ihn trotzdem, weil gerade in dieser Zeit, in der sich möglichst viele Menschen zuhause aufhalten sollen oder müssen, das Thema Do it yourself einen noch größeren Stellenwert für viele hat. Darüber hinaus versuchen die vorgestellten Geschäfte trotzdem das Beste aus der Situation zu machen und bieten ihr Sortiment teilweise online an. Viel Spaß beim Lesen und bleiben Sie gesund.

 

Ob Kleider nähen, Wohnung renovieren oder gärtnern – das Thema DIY (Abkürzung für Do it yourself (engl.) = Mach es selbst) erlebt seit vielen Jahren einen Boom in der realen Welt und in der Social-Media-Landschaft. Instagram, Youtube und Pinterest bieten unzählige Kanäle und Accounts, in denen Menschen zeigen, was sie mit ihren eigenen Händen erschaffen. Diverse Facebook-Gruppen zum Thema „Kleidung selber nähen“ haben hunderttausende Mitglieder, die dort ihre Erfahrungen austauschen und einander stolz ihre Werke präsentieren. Die Motivation, Dinge selbst zu machen, passt zum Zeitgeist der Nachhaltigkeit und der Individualität.

Für handgemachte Einzelstücke: Diverse Label zum Aufnähen. Foto: Michaela

Süchtig nach Stoff

Vor einigen Jahren wurde auch ich vom Näh-Virus infiziert, als die erste eigene Nähmaschine bei mir einzog. Bei den typischen Anfängerprojekten wie Einkaufsbeutel und Kosmetiktaschen ist es dann nicht lange geblieben, mittlerweile finden sich in meinem Schrank viele selbst genähte Kleidungsstücke – und die nächsten Projekte habe ich schon im Kopf. Augenzwinkernd könnte man sagen, dass ich an der Nadel hänge, deshalb heißt es bei mir öfter: „Ich brauch‘ Stoff…“.

Da freut es mich sehr, dass der Trend zum Selbermachen auch in Göttingen spürbar ist. In den letzten Jahren haben mehrere Stoffgeschäfte neu eröffnet, in denen sich die wachsende Gemeinde der Hobbyschneider*innen – dazu zähle ich mich – mit Material und Inspiration versorgen kann. Einige davon möchte ich Euch hier vorstellen.

Für kreative Selbermacher

Bei meinem Besuch in der Nadelzeile empfängt mich Filialleiterin Sabine Harms und führt mich gleich in den großen Kursraum. Flankiert von deckenhohen Stoffregalen an den Wänden warten hier Hugo, Trudi, Leopoldine, Helga und Anneliese. Wer das ist? Nun, das sind die stillen Mitarbeiter: diverse Nähmaschinen, die auf die nächsten Kursteilnehmer*innen warten. Witzig: Jede Nähmaschine hat einen Namen, den eine der fünf Mitarbeiterinnen ausgesucht hat. Frau Harms erzählt mir, dass ihr engagiertes Team überwiegend aus Quereinsteigerinnen besteht, die sich auch privat dem Thema Do it yourself mit viel Motivation widmen. Lediglich eine Mitarbeiterin ist Schneidermeisterin.

Für ihre Kundschaft da: Sabine Harms in der Nadelzeile. Foto: Michaela

 

Wolle in großer Auswahl: Anja Osterbrink sorgt für Ordnung. Foto: Michaela

Begeistert berichtet mir Sabine Harms von der familiären Atmosphäre im Laden. Oft kommen Kundinnen und Kunden – ja, auch zahlreiche Männer haben das Stricken und Nähen als Hobby für sich entdeckt – vorbei, um stolz ihre selbstgeschneiderten oder –gestrickten Werke zu zeigen. Es gibt sogar eine eigene Facebookgruppe. Selbst beim Wareneinkauf spielen Kundenwünsche im Hinblick auf neue Materialien oder Trends eine große Rolle. Sabine Harms verrät mir, dass nach Stoffen mit Lama-Motiven im vergangenen Jahr nun Faultiere gefragt sind. Außerdem hat sie auf Kundenwunsch seit Kurzem auch Oilskin vorrätig. Das ist ein gewachster Baumwollstoff im Antik-Look, der momentan viel für Taschen und Rucksäcke verarbeitet wird. Wichtig ist Sabine Harms auch, dass vor dem Kauf alle Nähmaschinen ausgiebig im Laden getestet werden können. Und sollten danach Fragen und Probleme auftreten, hilft das Team mit Ratschlägen telefonisch oder persönlich weiter. Auch ein Reparaturservice wird angeboten.

 

Bereit zum Testen: Nähmaschinen für alle Ansprüche. Foto: Michaela

Herzkissen und Babysöckchen

Neben den Nähkursen für Anfänger, Fortgeschrittene und Kinder ab acht Jahren trifft sich in der Nadelzeile alle sechs Wochen ein Kreis von fleißigen Helfer*innen für das Projekt „Herzkissen nähen“. Diese werden an Brustkrebspatientinnen verschenkt, um ihnen die Zeit nach der Operation zu erleichtern. Sabine Harms betont, dass sich bei diesen besonderen Nähabenden jeder einbringen kann, Nähtalent ist nicht erforderlich. Die Termine und weitere Informationen dazu sind auf der Homepage der Nadelzeile zu finden. Dass dieses soziale Engagement gut ankommt, beweisen die vielen positiven Rückmeldungen betroffener Frauen, die, so Harms, oft persönlich in den Laden kommen, um sich für die Unterstützung in dieser schweren Zeit zu bedanken.

Engagiert für Brustkrebspatientinnen: Das Herzkissen-Nähteam. Fotos: Die Nadelzeile

Wollreste sinnvoll genutzt: Söckchen für Neugeborene. Foto: Michaela

Darüber hinaus unterstützt das Nadelzeilen-Team die Stricklieseln, eine Gruppe von Frauen, die ehrenamtlich für das Krankenhaus Neu Bethlehem stricken. Allein im vergangenen Jahr konnten dort 882 Paar Babysöckchen als Willkommensgeschenk an Neugeborene verteilt werden. Das Material stammt aus gespendeten Wollresten, die in der Nadelzeile gesammelt werden. Eine super Idee, denke ich, denn so landen die Reste nicht im Müll und die Babies freuen sich über warme Füßchen.

Näh’ dir dein Unikat

Hingucker: Liebevolle Außendekoration. Foto: Michaela

Mitten im alten Kern des Stadtteils Grone hat Patricia Spyra vor zwei Jahren ihr Geschäft Patzis Stoffatelier eröffnet. „Ich wollte nicht in die Innenstadt, und dieser Laden liegt ideal. Zumal sich nebenan jetzt auch noch ein Nähmaschinen-Service angesiedelt hat.“, so erzählt sie mir. Beratung wird in Patzis Stoffatelier großgeschrieben, getreu dem Geschäftsmotto „Näh’ dir dein Unikat“.

Natürlich im selbstgenähten Pulli: Inhaberin Patricia Spyra. Foto: Michaela

Erstaunt stelle ich bei meinem Besuch fest, dass auch an einem ganz normalen Montagvormittag ziemlich viel los ist. Zwei Kundinnen suchen sich gerade Stoffe für neue Pullover aus. Schnell ist ein Muster gefunden, aber bei der Wahl des passenden Bündchens herrscht noch Unsicherheit. Mit sicherem Griff ins Regal wählt Patricia Spyra einige Farben aus und macht so die Entscheidung einfach.

Beim Stöbern in den gut sortierten Stoffregalen hat es den Damen dann noch ein Kinderstoff mit Motiven aus der angesagten Kinderserie “Mia and me“ angetan. Daraus soll ein Pullover für die kleine Tochter entstehen. Auch dazu steuert die Ladeninhaberin ihre Fachkenntnisse bei und ermittelt zügig die benötigte Stoffmenge. Nach kurzer Zeit gehen zwei zufriedene Kundinnen mit neuen Stoffen und dem Kopf voller Nähideen nach Haus.

Für Nähbegeisterte: Modellbeispiele zum Anfassen. Foto: Michaela

Große Auswahl: Zubehör und Stoffe für jede Altersgruppe. Foto: Michaela

So bleibt ein wenig Zeit, mich mit Patricia Spyra zu unterhalten. Sie berichtet mir, dass sie nach ihrer Ausbildung und zehn Jahren Berufserfahrung im Stoffeinzelhandel den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat. Zwar hat sie keine Ausbildung zur Schneiderin absolviert, aber mithilfe ihrer Mutter, die gelernte Maßschneiderin ist, hat sie sich die entsprechenden Nähkenntnisse selbst angeeignet. Gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen bietet sie in Patzis Stoffatelier in erster Linie Jersey- und Sweatshirtstoffe für Bekleidung sowie Baumwollwebware und Taschenstoffe an. Das entsprechende Zubehör, Bücher und Schnittmuster für Kinder und Erwachsene runden das Sortiment ab. Beim Stoffeinkauf legt sie Wert auf Stoffe, die mindestens nach Oekotex-Standard 100 zertifiziert sind. Der überwiegende Teil ihres Stoffangebots stammt von Herstellern aus Deutschland, teilweise führt sie auch Biostoffe.

Nähworkshops sehr beliebt

Gemütlich: Kursraum in Patzis Stoffatelier. Foto: Michaela

Vor kurzem wurde im Hinterzimmer zusätzlich ein Raum für Nähworkshops eingerichtet. Spyra freut sich sehr darüber, dass die dreimal im Monat angebotenen Kurse immer ausgebucht sind. Das liegt sicher auch daran, dass maximal vier Kursteilnehmer*innen von zwei Kursleiterinnen betreut werden. So kann auf jedes Problem bei der Entstehung individueller Nähprojekte eingegangen werden.

Noch mehr Stoff

Ob Tasche, Kissenbezug oder Tischdecke… der passende Stoff wartet schon. Foto: Michaela

Neben den vorgestellten Läden schaue ich auch gern einmal in Göttingens großem Warenhaus Galeria Karstadt vorbei. In der Stoff- und Kurzwarenabteilung im dritten Stock gibt es neben einem Standardsortiment an Stoffen, die farblich sortiert im Regal liegen, ein saisonal wechselndes Angebot. Das ein oder andere Stoffschätzchen lässt sich in der großen „Restekiste“ finden.

Ganz in der Nähe, in der Gotmarstraße, bietet Maßliebchen neben Stoffen und Meterware auch herzgemachte Handarbeiten von Kreativen aus Göttingen. Der Schwerpunkt liegt in diesem kleinen Laden auf Kinderstoffen, viele davon in Bioqualität.

Im Gewerbegebiet Lutteranger befindet sich das alfatex Stoffland. Das Fachgeschäft hat Modestoffe, Kurzwaren, Handarbeitsbedarf, Gardinen, Polsterstoffe und Heimtextilien im Sortiment. Wer die passenden Stoffe für einige Modelle aus den aktuellen burda-Modemagazinen zum Selberschneidern sucht, wird hier fündig.

Zwei- bis dreimal im Jahr sonn- oder feiertags gastiert der Deutsch-holländische Stoffmarkt in Göttingen. Bis zu 100 Stoffhändler verkaufen an ihren bunten Ständen eine große Vielfalt an Bekleidungs- und Dekorationsstoffen sowie Nähzubehör. Der nächste Stoffmarkt findet voraussichtlich am 26. April 2020 auf dem Parkplatz am Kauf Park statt.

Die Qual der Wahl: Stand auf dem Stoffmarkt. Foto: Michaela

Vom Nähfieber gepackt

Eigentlich war mir klar, dass mich nach meinem Streifzug durch die Göttinger Stoffläden wieder das Nähfieber packt. Ich habe da auch schon eine Idee: ein neuer Rucksack für den Urlaub an der See muss dringend her, vielleicht aus dem momentan so angesagten Oilskin. Also bin ich kurz mal weg – erst Stoff kaufen und dann im Nähzimmer…

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