Barbershops in Göttingen – schön oldschool:

Glattrasiert war gestern. Eine üppige Gesichtsbehaarung liegt bei meinen Geschlechtsgenossen seit ein paar Jahren voll im Trend. Früher als Rotzbremse oder Pornobalken verpönt, gilt der Tom-Selleck-Gedächtnis-Schnäuzer inzwischen wieder als en vogue. Vom Henriquatre und den Goatee über die Schifferkrause bis zum ZZ-Top-Vollbart geht alles, und selbst stylische Koteletten sind wieder in. Allerdings: Wer Bart trägt muss sich auch um eine entsprechende Pflege von Haar und Haut bemühen. Entweder selbst, vor dem heimischen Spiegel, oder in spezialisierten Barber-Shops, die, parallel zum Trend, inzwischen in fast jeder Stadt zu finden sind. Neugierig, wie ich nun einmal bin, habe ich mich in zwei Göttinger Barber-Shops umgesehen.

Rundum-Wohlfühlpaket

Komplett-Pflege vom Fachmann: Kanis Cut in der Theaterstraße. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Ich selbst hatte nie das Bedürfnis einen Bart zu tragen, bin aber ab und an zu bequem, mich zu rasieren. Jedenfalls solange, bis die Herzallerliebste gegen den Wildwuchs rebelliert. Mit meinem Fünf-Tage-Bart, der Gott sei Dank von meinem Mund-Nasen-Schutz verdeckt wird, betrete ich Kanis Cut in der Theaterstraße 17a. Inhaber Kanivar Akad, den alle Kani nennen, und der noch einen zweiten Barber-Shop in der Prinzenstraße 18 betreibt, behandelt gerade Daniel mit einem Rundum-Wohlfühlpaket. Daniel sieht nicht, dass ich da bin, hört bestenfalls das Klicken der Kamera, denn sein Kopf ist in ein weiches, weißes Handtuch gehüllt. „Eine Kompresse“, wie mir Kani erklärt. „Vor der Rasur gibt es einen heißen Umschlag, damit die Poren sich öffnen und die Haut schön weich wird“, sagt er, „und nach der Rasur einen kühlenden zur Entspannung der Haut.“

Angenehm und entspannend

Rundum wohlfühlen: Daniel genießt seine Behandlung. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Daniel ist heute zum zweiten Mal bei Kani. Er trug früher gerne Drei-Tage-Bart, hat sich aber vor rund einem Jahr für einen Vollbart entschieden. „Beim ersten Besuch“, berichtet er, „habe ich den Rat bekommen, meinen Bart noch weiter wachsen zu lassen, damit er mehr Volumen bekommt, um ihn erst dann richtig in Form zu bringen.“ Heute war es soweit und Daniel bekam „Chefbehandlung“. Einmal „Kanis Cut Plus“, mit allem, mit Haarschnitt und Rasur – ein 50 Minuten währendes Verwöhnpaket. „Ja“, bestätigt mir Daniel lächelnd auf meine Frage, „das war so angenehm und entspannend, wie es aussah.“ By the way: nennt es Oldschool, nennt es Vintage, der ganze Laden wirkt in seiner Gestaltung so obercool, dass man sich, so wie ich, auch ohne Behandlung einfach wohlfühlen muss.

„Du spürst die scharfe Klinge nicht“

Bürsten, Klingen und Rasierer: Gutes Handwerkszeug ist wichtig. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Scharfes Auge und ruhige Hand: Kani @ work. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Auch Kani ist mit seinem Werk zufrieden. „Unser Motto lautet: ‘Mehr als nur ein Haarschnitt’“, sagt er und zeigt auf den rot leuchtenden Neon-Schriftzug an der Backsteinwand. „Nach spätestens zwei Monaten sind die meisten Bärte aus der Form“, erklärt er mir, „aber viele Kunden kommen schon früher zu mir in den Salon.“ Zuerst gilt es dann, der Haarpracht ums Kinn mit der Maschine wieder Fasson zu verleihen. Und Kani hat viele Maschinen, in unterschiedlichen Größen und Schnittbreiten. Danach macht er sich an die Konturen. Ein durchaus filigranes Handwerk, natürlich mit dem Rasiermesser. „Der Bart wird vorher gründlich eingeschäumt und der Kopf in die heiße Kompresse gehüllt. Danach trägt er erneut Schaum auf, bevor er zum Messer greift. „Das ist so scharf“, verspricht er, „dass du den Einsatz der Klinge nicht einmal spürst.“

Aftershave, Öl und Wachs

Mehr als nur Show: Handtuchwedeln kühlt die Haut. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Pflege und Glanz: Bartöl in homöopathischer Dosis. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Mit Bartwachs in Form gebracht: Daniel ist zufrieden. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Nach der Rasur folgen das kühlende Handtuch und ein gutes, duftendes Aftershave, um die leicht gereizte Haut zu beruhigen. Das Wedeln mit einem gerollten Handtuch ist nicht etwa nur ein Show-Effekt, es verschafft der Haut tatsächlich weitere Abkühlung und die Poren schließen sich. Nach dem Fönen trägt er pflegendes Bartöl auf, aus einer Pipette. „Das verhindert die Schuppenbildung“, erklärt Kani, „und erzeugt einen leichten Glanz. Bartwachs bringt im Anschluss die frisch gestutzte Haarpracht in die gewünschte Form.

Rasieren im Liegen

Bewährte Konstruktion: Sessel zur Liegend-Behandlung. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Barbier aus Leidenschaft: Kanivar Akad. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Der Kunde erlebt diese Behandlung im Übrigen auf schweren, hochglanzverchromten Sesseln. Nach altem Muster konstruiert, aber top-modern, lässt sich das Gestühl mit den dicken schwarzen Polstern in Liegeposition bringen. „So können die Kunden ihr Verwöhnprogramm im Liegen genießen“, sagt Kani und lächelt wissend „Das ist unglaublich erholsam und manch einer ist sogar schon für ein paar Minuten eingenickt.“ Ich bin wirklich versucht, es einmal darauf ankommen zu lassen.

Rot, Weiß und Blau

Nicht eindeutig geklärt: die Farben des Barberpoles. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Kani lässt mich nicht gehen, ohne mir noch die Geschichte des Barberpoles zu erklären. Der sich drehenden, rot-weiß-blau gestreiften Säule, die immer häufiger im Stadtbild zu sehen ist. Die Bedeutung des Barberpoles (Barbierpfosten) geht bis ins Mittelalter zurück, wo die Friseure (Barbers) oft auch den Aderlass durchführten. Neben der Rasur und dem Schneiden der Haare wurden nämlich auch kleine medizinische Eingriffe vorgenommen. Wahrscheinlich haben sich die Patienten am Pfosten festgehalten, damit ihre Adern sichtbar hervortraten. Die teils blutigen Wundverbände wurden nach dem Eingriff um diesen Pfosten zum Trocknen gebunden. Wind wickelte sie dann häufig streifenförmig darum. Rot und weiß sind daher die ursprünglichen Farben. Für den blauen Streifen gibt es verschiedene Interpretationen. Eine der Meinungen ist, dass Blau das venöse, Rot das arterielle Blut und der weiße Streifen den sauberen Verband symbolisiert. Möglich ist auch, dass die US-Amerikaner das Blau von ihrer Nationalflagge adaptiert haben.

Fröhliche Stimmung

Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

“Heute nur Haare”: Aydin kommt regelmäßig zu Shamall. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Selbstverständlich dreht sich der Barberpole auch über dem zweiten Salon, den ich besuche, Shamall Barber Shop in der Kurzen Straße 2. Hip Hop tönt aus den Boxen und es herrscht eine fröhliche Stimmung im Wartebereich. Man quatscht und lacht über alle möglichen Themen, hauptsächlich über die Arbeit. Ein Kunde, der mir seinen Namen nicht nennen möchte, weil er, wie er sagt, „schon bekannt genug ist“, trägt seit 12 Jahren Bart. „Hier kommen Menschen hübsch rein und gehen noch hübscher raus“, sagt er lachend.

Shamall Copperfield

Profis für Rasur und Haarschnitt: Shamall und sein Team. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Aydin wartet ebenfalls auf der gemütlichen schweren Ledercouch. Er kommt seit der Eröffnung des Salons im Februar dieses Jahres regelmäßig alle zwei bis drei Wochen her. „Es gibt keinen besseren Barbier als Shamall“, lobt er den Chef, der einem Kunden mit dem Rasierer eine absolut gerade Linie an die Kinnunterseite zaubert – frei Hand versteht sich. „Shamall Copperfield“, kommentiert ein Stammkunde mein Staunen. Aydin, der sonst gerne das Komplett-Programm mit Haarschnitt und Rasur bucht, entscheidet sich heute für „nur Haare“. Shamall versorgt mich fix mit einem Milchkaffee und macht sich direkt wieder an die Arbeit. Ich bin schwer beeindruckt, wie behände er und seine Mitarbeiter mit Rasierern unterschiedlicher Formate und vor allem mit dem Rasiermesser umgehen. Ich hätte, trüge ich Bart, keine Vorbehalte, mich ihnen anzuvertrauen.

Rasiermesser und Fadenzupfen

Gekonnt ist gekonnt: Ob mit dem Bartschneider oder…

…mit dem Rasiermesser, der Kunde soll zufrieden sein. Fotos: Christoph Mischke

Shamall hat sein Handwerk in seinem Heimatland Irak gelernt. Dazu gehört auch das Fadenzupfen, eine orientalische Epilationstechnik zur Entfernung feiner Gesichtshaare oder um die Augenbrauen auszudünnen. Das soll sehr schonend für die Haut und außerdem durchblutungsfördernd sein, habe ich einmal gehört. Schier unglaublich, wie fix Shamall und seine drei Mitarbeiter diese Technik beherrschen. Auf meine Frage, ob das „Schnipsen“, so sieht es für mich aus, nicht unglaublich anstrengend ist, muss Shamall lachen. „Wir können es halt“, sagt er grinsend. Der Rasierer kommt bei ihm relativ selten zum Einsatz und ich glaube, er ist stolz darauf, dass in seinem Salon die Rasur mit der blitzenden Klinge einen hohen Stellenwert genießt. Das kann halt auch nicht jeder. Wenn ihr Bart und Bock habt, euch buchstäblich unters Messer zu begeben, könnt ihr das als Immatrikulierte jetzt mit Ermäßigung probieren. Shamall verspricht bis Ende November einen Rabatt für Studierende: „20 Prozent auf alles“, sagt er.

Gesichtsmaske und Limonenduft

Chrom und Leder: Haarpflege in rustikaler Gemütlichkeit. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

“Wir können es halt”, Barbier Shamall vor seinem eigenen Logo. Foto: Göttingen Tourismus / C. Mischke

Ronaldo hat Haarschnitt und Rasur gerade hinter sich. Er achtet, wie er sagt, sehr auf sein Äußeres und kommt fast jede Woche her. „Manchmal gönne ich mir sogar eine Gesichtsmaske“, lacht er. „Es gibt Hunderte von Frisören“, schwärmt er, „aber hier ist es perfekt.“ Weil er stets zufrieden ist, nimmt Ronaldo, genau wie die anderen Kunden, auch gerne mal eine Wartezeit in Kauf. Mitarbeiter Marin hüllt den jungen Mann noch fix in eine nach Limone duftende Wolke aus Natural Cologne. Der schnappt sich seinen im Laden safe geparkten E-Roller, zahlt, bedankt sich beim Chef und ist schon aus der Tür.