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Wiedereröffnung von St. Johannis in Göttingen

18. November 2021
Gute Nachrichten: Am 1. Adventswochenende wird die St. Johannis-Kirche wiedereröffnet. Nach fast drei Jahren Umbauzeit präsentiert sich das Gotteshaus in einem völlig neuen Gewand.
Nach fast drei Jahren sind die Umbauarbeiten in St. Johannis so gut wie beendet und die Kirche wird am 1. Adventswochenende wiedereröffnet. Drei Jahre in denen sich das innere Erscheinungsbild der Kirche komplett verändert hat. Farbgestaltung, Fußboden, Fenster, Einrichtung, Beleuchtung, Haustechnik – alles neu. Was man nicht auf den ersten Blick sieht, ist die geplante Multifunktionalität des Gotteshauses. St. Johannis will in Zukunft eine offene Bürgerkirche sein, eigene Veranstaltungen präsentieren und auch anderen Kulturschaffenden eine Bühne bieten.

Tonnenschweres Gerüst verschwunden

Das tonnenschwere Gerüst im Kirchenschiff.
Gewirr aus Stahl und Holz: Im Juni 2020 steht das tonnenschwere Gerüst im Kirchenschiff.
Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke
Außenansicht von St. Johannis.
Umbau abgeschlossen: Die Rats- und Marktkirche St. Johannis in Göttingen in einer Luftaufnahme.
Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke
Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen, als ich im Juni 2020 auf dem tonnenschweren Gerüst, das die Kirche monatelang bis ins Dachgewölbe ausfüllte, gestanden habe, um den damaligen Baufortschritt fotografisch zu dokumentieren. Auch wenn die Illustration auf dem riesigen Staubschutz-Vorhang zum Altarraum damals schon annähernd zeigte, wie die fertige Kirche wohl aussehen wird, konnte ich mir das Ergebnis nicht wirklich vorstellen.
Nun ist das Gewirr von Traversen, Holzbohlen und Metallverstrebungen verschwunden und ich bin ziemlich baff. Wunderschön, sage ich zu Pastor Gerhard Schridde und Hildgund Broda, der Vorsitzenden des Kirchenvorstands. Die beiden nehmen mich mit auf einen kleinen Rundgang durch das fast fertiggestellte Gotteshaus.
Der neu verlegte Sandsteinboden.
Edel: der neu verlegte Sandsteinboden.
Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke

Edler Fußboden aus Sandstein

Ab und zu scheinen heftige Hammerschläge durch das Kirchenschiff zu hallen, aber es ist nur der große Staubsauger, der offenbar ein paar Startprobleme hat. Sorgfältig entfernen die Handwerker den Schmutz von den Schutzpappen, bevor sie beginnen, den neuen Sandsteinfußboden freizulegen. Der sieht einfach klasse aus, fast schon zu edel, um mit Straßenschuhen darauf zu laufen.

Mir fallen die steingefüllten Umrandungen unterhalb der Wände und um die Säulen herum auf. Sie bilden, erklärt man mir, eine Art Drainage, damit keine Feuchtigkeit von den riesigen Steinfundamenten unterhalb des Kirchenbaus ins Gemäuer zieht. „Bitumen-Trennschichten kannte man damals noch nicht“, sagt der Pastor lächelnd. Jetzt schallt plötzlich entspannte Lounge-Musik durch den Raum und die Kirchenvertreter freuen sich, dass die werkelnden Techniker soeben auch die Musikanlage erfolgreich zum Klingen gebracht haben.

Farbgestaltung nach historischen Quellen

Einen großen Anteil daran, dass die Kirche jetzt hell, freundlich, ja geradezu luftig wirkt, ist der Farbwahl zu verdanken. Das Cremeweiß der Wände und Gewölbe sowie der bräunliche Rotton der Säulen und Pfeiler spiegeln historische Quellen wider. Auch die neugestalteten Fenster an Nord- und Südseite des Kirchenschiffs tragen ein gehöriges Maß dazu bei. Sobald die Sonne scheint zaubern die phantasievoll gemusterten Scheiben wunderbare Lichtreflexe in den Raum.

lick in das renovierte Gewölbe.
Farbgestaltung nach historischem Vorbild: Blick in das renovierte Gewölbe.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke
Pastor Gerhard Schridde an einem neugestalteten Kirchenfenster.
Pastor Gerhard Schridde betrachtet ein neugestaltetes Kirchenfenster an der Südseite.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke
Blätter und Ranken: Konservierte frühere Deckenbemalung.
Blätter und Ranken: Konservierte frühere Deckenbemalung.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Glaskunst und historische Deckenbemalung

Glaskünstler Günter Grohs aus Wernigerode war hier am Werk und hat seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Ich erkenne zahllose Linien- und Wellenmuster, die für meine Augen keinem bestimmten System folgen, aber ausgesprochen apart wirken. Die farbigen Flächen wirken zart und trotzdem leuchtend. Die alten Nordfenster habe ich als arg verstaubt und vom Zahn der Zeit angeschwärzt in Erinnerung. Hildgund Broda zeigt mir ein Foto auf ihrem Handy. Es zeigt eines der Nord-Fenster, wo vermutlich früher einmal Handwerker während ihrer Pause auf einem Gerüst Tic-Tac-Toe gespielt haben.

Deutlich sind die großformatigen Kreuze und Kreise in der dicken Staubschicht zu erkennen. „So hat das bestimmt 15 Jahre ausgesehen“, sagt sie lachend, „und augenscheinlich hat es niemand bemerkt.“ Ein historisches Kleinod ist übrigens ebenfalls im Gewölbe des nördlichen Seitenschiffs am Übergang zum Chor zu entdecken. Hier haben die Fachleute einen kleinen Teil einer früheren Deckenbemalung mit Ornamenten, Blättern und Ranken für die Nachwelt konserviert.

Die Orgel von St. Johannis.
Gereinigt und gecheckt: die Hauptorgel aus der Werkstatt von Paul Ott.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Socken, Schuhe und Karl-May-Buch

Die Kirchenvorstandsvorsitzende hat auf mein Bitten hin noch mehr Anekdoten parat und berichtet von Gegenständen, die sie und ihre Mitstreiter*innen beim Ausräumen vor drei Jahren in verborgenen Ecken und Nischen, unter anderem in der Orgel, gefunden haben. Neben zahllosen Mäusekötteln fand sich ein alter Socken, Schuhe, ein mottenzerfressenes Stofftaschentuch und sogar ein altes Karl-May-Buch. „Was sich halt im Lauf von Jahrzehnten so ansammelt.“

Raus aus der Kopfschmerz-Zone: Hildgund Broda unter dem gekürzten Wandpfeiler.
Raus aus der Kopfschmerz-Zone: Hildgund Broda unter dem gekürzten Wandpfeiler.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Wandpfeiler gekürzt

Eine weitere kuriose Geschichte hat mit dem Einbau der beiden neuen Treppen, die hinauf zur Empore führen, zu tun. „Irgendwie hatte niemand bei der Planung die Wandpfeiler, im Fachjargon Dienste genannt, bedacht“, berichtet Hildgund Broda. Deren Sockel lagen nämlich direkt auf Kopfhöhe und hätten unaufmerksamen Stiegenbenutzern sicherlich so manche Beule beschert. Also, was tun? Da die Höhe der Treppe ja vorgegeben war, wurde der Dienst kurzerhand mit der Steinsäge um einen knappen Meter verkürzt und der untere Sockel wieder angemauert – fertig.

Verhüllte Kirchenkunst
Kirchenkunst: Noch sind einige Bildnisse an den Wänden verhüllt.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Küche und Lastenaufzug

Pastor Schridde ist besonders stolz auf die neuen Räume. Unterhalb der Orgelempore wurden eine Küche, ein Technikraum und eine Toilettenanlage eingebaut. „Und zwar so, dass sie, sollte sich das Nutzungsverhalten kommender Generationen einmal ändern, ohne großen Aufwand oder Schäden wieder entfernt werden können.“ Eine Auflage des Denkmalschutzes. Auch ein Lastenaufzug wurde installiert, mit dem technisches Equipment problemlos und schnell auf die Orgelempore transportiert werden kann. Ich kann über so viel Weitsicht nur staunen, augenscheinlich wurde bei den Planungen an alles gedacht.

Stühle statt Kirchenbänke

Beim Blick in die Weite des Raums vermisse ich die früheren Kirchenbänke. „Die wird es nicht mehr geben“, erklären mir meine Begleiter unisono. Eigentlich logisch, denke ich, mit Stühlen ist man natürlich bei Veranstaltungen wesentlich flexibler. Der Auswahl des Gestühls waren umfangreiche Sitzproben vorausgegangen und schlussendlich entschieden sich die Verantwortlichen für das Modell „Lutherstuhl“. „Der Name war aber nicht ausschlaggebend und reiner Zufall“, lacht die Frau aus dem Kirchenvorstand.

Der Literaturherbst gastiert in St. Johannis.
Noch mit externer Technik illuminiert: Veranstaltung des Literaturherbsts
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke
Der Literaturherbst gastiert in St. Johannis.
Mit Leih-Bestuhlung: Der Literaturherbst zu Gast in St. Johannis.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke
Was können sich die beiden Kirchenvertreter denn für Veranstaltungen in St. Johannis vorstellen? Neben Konzerten der Eigengewächse „Göttinger Stadtkantorei“ und des Posaunenchors St. Johannis sind Konzerte des Göttinger Symphonieorchesters ebenso gewünscht wie Kooperationen mit Theatern und anderen Kulturschaffenden. Ja, auch Tanzveranstaltungen ganz ohne Bestuhlung können sich beide durchaus vorstellen. Ich bin gespannt. Einen quasi Testlauf des Literaturherbstes, noch mit geliehener Bestuhlung aus der Lokhalle, habe ich Anfang November selbst erlebt. Das war optisch und akustisch ein echter Genuss.
Stahlringe mit LED-Licht
Es werde Licht: mit LED-Lampen bestückte Stahlringe im Mittelschiff.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Präzision statt Silikon

Wenn Pastor Schridde über die Umbauarbeiten spricht, ist er immer wieder voll des Lobes über die Leistung des leitenden Architekten Heino Ester vom Bauamt der Landeskirche sowie der Handwerker vor Ort. Egal, ob eine nicht bedachte Revisionsklappe der Türverriegelung, die spaltmaßtreue Verfugung oder der Einbau moderner Verriegelungstechnik in die einhundert Jahre alten Holzportale. Alle haben nach des Pastors Worten hervorragende Arbeit ausgeführt und jederzeit flexibel auf kurzfristige Änderungen reagiert. „Präzision statt Silikon“ bringt er es auf den Punkt..

 

Restaurierte Bildnisse

Es gäbe noch so viel über den Umbau zu erzählen, dass es den Rahmen dieses Beitrags definitiv sprengen würde. Über die im Boden eingelassene LED-Beleuchtung der Säulen, die riesigen beleuchteten Stahlreifen, die vom Gewölbe hängen, über die Gestaltung des gläsernen Windfangs, über die restaurierten Bildnisse aller früheren Pastoren von St. Johannis an den Wänden und.. und… und. Am besten, ihr schaut euch das Gotteshaus selbst einmal an. Vielleicht schon am 27. November, dem feierlichen Fest-Wochenende zur Wiedereröffnung.

Bildnisse ehemaliger Pastoren
Historie: Die restaurierten Bildnisse ehemaliger Pastoren zieren die Wände.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke
Limitiert: Einkaufstaschen, gefertigt aus der Staubschutz-Plane.
Upcycling: Hildgund Broda, Beate Müller und Pastor Gerhard Schridde mit den Einkaufstaschen.
Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Limitierte Einkaufstaschen

Halt, eine Sache hab‘ ich noch. Vielleicht fragt ihr euch, was aus der großen Staubschutz-Plane mit der Umbau-Visualisierung geworden ist, die ich eingangs erwähnt habe. Da hatte Pfarrsekretärin Beate Müller eine zündende Idee. Die dicke Plane wurde gereinigt und im Zeichen der Nachhaltigkeit zu stabilen Einkaufstaschen upgecyled. 90 limitierte und nummerierte Taschen, jede einzelne ein Unikat, sind auf diese Weise entstanden. Wer also ein Stück Johanniskirche sein Eigen nennen möchte, kann sie im Sekretariat erwerben.

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