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Der Stadtfriedhof in Göttingen: Erholung und Kunstgenuss

14. Oktober 2021
Eine der schönsten Parkanlagen in Göttingen ist der historische Stadtfriedhof zwischen Jheringstraße und Kasseler Landstraße. Neben der üppig grünenden Pflanzenwelt und den zahlreichen Tieren sind hier die Gräber von neun Nobelpreisträgern zu finden. Außerdem bietet der Friedhof noch ein kulturelles Kleinod: die Torhaus-Galerie an seiner Nordseite, direkt an der Kasseler Landstraße. Ein Spaziergang.

Warum Menschen gerne in Göttingen leben? Unter den Top-Antworten kommt sehr oft vor: “Weil die Stadt so grün ist.” Stimmt. Der Wall, der Cheltenham-Park, die Schillerwiesen, die Grüngürtel an Leine und Leinekanal, der Levinsche Park, der Kiessee, der Hainberg mit Kehr und Bismarckturm. Alles wunderschöne grüne Ecken. Der Stadtfriedhof liegt etwas außerhalb der Innenstadt, gehört aber als schöne und ruhige Grünanlage definitiv in diese Aufzählung.

Der Göttinger Stadtfriedhof

Keine Spur von Hektik

Eichhörnchen flitzen die Baumstämme rauf und runter und zwischen den Grabsteinen hindurch. Kreischende Eichelhäher, Dompfaffen mit leuchtend roter Brust, bunte Stieglitze und Bachstelzen mit ihren wippenden Schwänzen sind allgegenwärtig. Sogar ein Kleiber ist zu sehen, der einzige Vogel, der kopfüber einen Baumstamm hinunterlaufen kann.

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Imposant: prachtvolle Grabmale unter üppigem Baumbestand.

Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke

Rondell: Gedenkstätte für neun Göttinger Nobelpreisträger.

Rondell: Gedenkstätte für neun Göttinger Nobelpreisträger.

Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke

Nobel-Rondell

Am Hinweisschild, das in Richtung Nobel-Rondell weist, biege ich ab. Die Lebensläufe von 44 Nobelpreisträgern sind eng mit der Stadt und der Universität verbunden. Neun der Geistesgrößen liegen an unterschiedlichen Stellen auf dem Stadtfriedhof begraben.

Ihnen zu Ehren ist 2006, zum 125-jährigen Bestehen des Friedhofes, diese gemeinsame Gedenkstätte errichtet worden.

Damit soll der Wissenschaftler und Nobelpreisträger Otto Wallach (Nobelpreis für Chemie 1910), Max Planck (Nobelpreis für Physik 1918), Walther Nernst (Nobelpreis für Chemie 1920), Richard Zsigmondy (Nobelpreis für Chemie 1925), Adolf Windaus (Nobelpreis für Chemie 1928), Max von Laue (Nobelpreis für Physik 1914), Otto Hahn (Nobelpreis für Chemie 1944), Max Born (Nobelpreis für Physik 1954) und inzwischen auch Manfred Eigen (Nobelpreis für Chemie 1967) gedacht werden.

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Ehrenbürger Manfred Eigen, Unterstützer des Nobel-Rondells.

Foto: Göttingen Tourismus & Marketing / Mischke

Göttingens kluge Köpfe

Während der Enthüllung nannte Göttingens Ehrenbürger Manfred Eigen die Auswahl der Vorzeigewissenschaftler „willkürlich, aber beispielhaft“.

Am 6. Februar 2019 verstarb Professor Eigen im Alter von 91 Jahren und hat nun selbst seine letzte Ruhestätte hier auf dem Friedhof, nicht weit vom Rondell entfernt, gefunden.

Must-Sees am Stadtfriedhof

Imposante Platanenallee

Weiter geht es zum großen Teich, an dessen Ufer einige Gräber der genannten Nobelpreisträger liegen. Es ist herrlich hier. Nur das Plätschern der Fontäne, die den Teich mit Sauerstoff versorgt, die zwitschernden Vögel und ab und zu ein Quak-Konzert der Frösche durchbrechen diese wohltuende Ruhe.

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Besonders im Herbst ein Highlight: die Platanenallee.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

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Oase der Ruhe: der große Teich auf dem Stadtfriedhof.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Ein junges Paar hat sich auf einer der Bänke niedergelassen und genießt die Nachmittagssonne, eine Frau ist ganz in ihr Buch vertieft und erschrickt ein wenig, als sie mich mit der Kamera bemerkt.

Weiter in Richtung der Kapelle, die im Jahr 1900, am Ende der imposanten Platanenallee, direkt gegenüber des Haupteingangs gebaut wurde.

Ganz plötzlich taucht sie aus dem dichten Laub des größtenteils alten Baumbestandes auf.

Mich erinnert der symmetrische Kalk- und Sandsteinbau mit seinem wuchtigen Turm eher an ein kleines Schloss.

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Oberbürgermeister Georg Merkel hat 1881 den Stadtfriedhof eröffnet.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Imposante Grabmäler

Auf meinem Rückweg, den ich auf den Wegen und auch auf der Wiese zwischen den Gräbern zurücklege, fallen mir zahlreiche uralte und sogar eine chinesische Grabstätte auf.

Imposante Grabanlagen, die ganzen Familien als letzte Ruhestätte dienten und dienen. Manche gepflegt, manche in unterschiedlichen Verfallszuständen. Ich entdecke viele Göttinger Namen von Firmen, die vielfach immer noch existieren.

Zahlreiche Geistesgrößen und Forscher wie Friedrich Wöhler, David Hilbert oder Max Planck liegen hier begraben. Ebenso ehemalige Göttinger Bürgermeister wie Georg Friedrich Calsow, Hermann Föge oder Georg Merkel, in dessen Amtszeit 1881 der Stadtfriedhof eröffnet wurde und dem wir auch die Aufforstung des Hainbergs zu verdanken haben.

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Germanische Mythologie: Nornenbrunnen an der Birkenallee.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Schicksalfrauen

Dann stehe ich vor dem Nornen-Brunnen, der drei sitzende Frauen zeigt. Bemoost und ziemlich erodiert sind ihre Gesichtszüge, aber noch recht deutlich zu erkennen. Der Brunnen wurde von dem Bildhauer Jacob Wilhelm Fehrle als Sinnbild der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens geschaffen. Nornen sind in der germanischen Mythologie die drei Schicksalsfrauen Urd, Verdandi und Skuld abgebildet, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren. 

Torhaus Galerie

Kunst im Leichenhaus

Der Göttinger Stadtfriedhof bietet nicht nur üppige Natur und einen hohen Erholungsfaktor. Seit 2012 können Besucherinnen und Besucher der Torhaus-Galerie an der Nordseite des Friedhofs ein abwechslungsreiches Kulturangebot genießen. 

 

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Wechselvolle Geschichte: die Torhaus-Galerie ist eine beliebte Kulturinsel.

Foto: Norbert Mattern

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Von links: Wolfgang Gieße, Herting von Buttlar und Norbert Mattern.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Und wieder war es Nobelpreisträger Manfred Eigen, der das Vorhaben mit initiierte, nach Kräften unterstützte und auch im November 2011 die Eröffnungsrede hielt. Ich bin bei jedem Besuch fasziniert, welches Kleinod hier in jahrelanger Sanierungsarbeit entstanden ist.

Diente doch das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1881 über die Jahre als Friedhofskapelle, Leichenhalle, Pförtnerhaus, Blumengeschäft und als Dienstsitz der städtischen Friedhofsverwaltung.

Sämtliche Arbeiten an und im Torhaus verdanken die Initiatoren großzügigen Sponsor*innen und Unterstützer*innen aus der Stadt und der Region. Die Macher*innen gehen mit Herzblut zu Werke.Das sind Mitglieder des Göttinger Verschönerungsvereins (GVV) sowie des Initiativkreises Torhaus-Galerie, die für das vielfältige Kulturprogramm in den Bereichen Grafik, Bildhauerei und Malerei verantwortlich zeichnen.

Beliebte Kulturinsel

„Vor allem regionalen Künstlern, die einen Bezug zu Göttingen haben und sich mit der Stadt identifizieren, wollen wir hier eine Plattform bieten“, berichtet Herting von Buttlar, Vorsitzender des GVV.

Norbert Mattern vom Initiativkreis, der seinerzeit der Ideengeber für das neue Nutzungskonzept gewesen ist, erinnert sich noch gut an die erste Ausstellung „Energiewände“ mit Bildern des Malers Dietmar Robert Schröter zur Eröffnung der Galerie. „Wir waren überwältigt von dem Andrang, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Es kamen rund 250 Besucher zur Vernissage.“

Bei der Planung des Programms können die Veranstalter aus dem Vollen schöpfen, denn die Torhaus-Galerie hat sich auch bei den Künstler*innen zu einer beliebten und erfolgreichen Kulturinsel entwickelt. „Wir machen vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr und derzeit stehen rund 25 Künstler auf der Warteliste.“, ergänzt Wolfgang Gieße, Leiter des Fachdienstes Friedhöfe der Stadt Göttingen. „Jede Ausstellung wird von einer musikalischen Veranstaltung zur Mitte ihrer Laufzeit begleitet“, ergänzt Mattern.

KUL-Grzywatz

Vernissage: Berthold Grzywatz (2. v. r.) spricht mit Ausstellungsbesucher*innen.

Foto: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke

Für jeden etwas dabei

Das aktuelle Programm findet ihr hier. Die Torhaus-Besucher*innen werden im Lauf des Jahres Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Objekte bestaunen können. Die musikalische Bandbreite reicht von Gospelgesang über Bluegrass und Irish Folk bis hin zu Swing, Latin und Jazz.

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