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Forst erklärt: Den Göttinger Wald entdecken

6. Mai 2021
Worauf solltet ihr im Frühjahr im Wald besonders achten? Darf man überhaupt die Wege verlassen? Und warum haben manche Bäume dunkle Flecken? Wir haben mit Simon und Felix von “Forst erklärt” über die Besonderheiten des Göttinger Waldes, Folgen des Klimawandels, seltsame Bell-Geräusche und Maibowle gesprochen.

Worauf solltet ihr im Frühjahr im Wald besonders achten? Darf man überhaupt die Wege verlassen? Und warum haben manche Bäume dunkle Flecken? Wir haben mit Simon und Felix von “Forst erklärt” über die Besonderheiten des Göttinger Waldes, Folgen des Klimawandels, seltsame Bell-Geräusche und Maibowle gesprochen.

Felix und Simon studieren Forst und sind fast täglich im Göttinger Wald unterwegs.

Treffpunkt: Schillerwiesen, am Rand des Göttinger Stadtwaldes. Hier sind wir mit Felix und Simon verabredet. Sie studieren in Göttingen Forstwissenschaften und haben zusammen mit Jan, der nicht dabei sein kann, das Projekt “Forst erklärt” gestartet. Worum es dabei geht und was es im Göttinger Wald zu entdecken gibt, erzählen die beiden bei einem Waldspaziergang.

“Forst erklärt”: Leidenschaft für den Wald

“Viele Leute interessieren sich für den Wald und die Inhalte des Studiums werden kaum allgemein zugänglich vermittelt – da haben wir eine Lücke gesehen.”, sagt Simon. Die Lücke soll nun ihr Projekt “Forst erklärt” ausfüllen. Besonders wichtig ist es ihnen einen Zugang zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Forstbereich zu schaffen und ihre Begeisterung für den Wald mit möglichst vielen Menschen zu teilen. 

Die beiden Hündinnen Ardelle und Maira finden den Wald offensichtlich sehr spannend. Von der Leine dürfen sie aber nicht, denn gerade ist Brut- und Setzzeit.

Gefragt und ausgezeichnet

Simon und Felix sind im Umgang mit Medien Profis, obwohl es das Projekt “Forst erklärt” erst seit gut einem Jahr gibt. Nicht nur, dass sie ihre Inhalte selbst planen, umsetzen, fotografieren, Videos moderieren, schneiden und aufbereiten. Schon dreimal waren Kamerateams zu Besuch, außerdem diverse Medien – und in Podcasts waren sie auch schon zu Gast. “Wir hätten nie gedacht, dass das so schnell so groß wird. Das erste Video für Instagram haben wir noch auf der Couch aufgenommen.”, erzählt Felix.

Bestätigung für ihre Arbeit erhalten sie nicht nur durch positives Feedback von Landesforstverwaltungen, Förster*innen und Privatleuten. Von verschiedensten Seiten werden ihre Beiträge angefragt. Sie haben außerdem die Niedersächsische Forstmedaille bekommen. Simon erzählt grinsend: “Neulich wurde ich sogar beim Tierarzt angesprochen. Ich glaube wir sind jetzt ein bisschen berühmt.”

Die Buche mit Drehwuchs gibt zwar kein gutes Bauholz, sieht dafür aber sehr schön aus.

Was den Göttinger Wald besonders macht

“Wenn man mit offenen Augen unterwegs ist, kann man viel entdecken”, sagt Simon. Der Göttinger Wald ist ein Mischwald. Hier stehen Rotbuchen, Fichten, Eichen, Lärchen und Kiefern neben Eiben, Eschen, Bergahorn, Ulmen und Esskastanien. Auffällig ist die Altersstruktur: Weil hier sehr alte und junge Bäume zusammenkommen, ist der Wald besonders gesund und widerstandsfähig. Ein weiterer Grund: Der gute Boden.  Kalkstein sorgt für die Nährstoffe, sodass hier auch anspruchsvollere Pflanzen wachsen können. “Stellenweise hat der Göttinger Wald parkähnliche Strukturen”, erklärt Felix. Auch nichtheimische Baumarten wie Zedern, Douglasien und Thuja Lebensbäume wurden hier angepflanzt.

Wusstet ihr …

… dass der Göttinger Stadtwald ein Bürgerwald ist? Das heißt, dass Gemeinwohl und Naturschutz hier Priorität haben.

Arbeitsteilung im Waldbüro

Simon und Felix haben ihren Arbeitsort mittlerweile aus dem WG-Wohnzimmer in ihr “Waldbüro” in der Musa verlegt. Dort sind unter anderem Schnittrechner, Kameraequipment, ein Sofa und Bücher untergebracht. “Und ein Kasten Bier ist meistens auch noch da”, ergänzt Felix und grinst. Ursprünglich war der Plan, dass jeder 10 Stunden pro Woche in das Projekt “Forst erklärt” investiert. “Mittlerweile sind es aber eher 15 bis 20 Stunden oder sogar noch mehr pro Person”, sagt Felix.

Der Buchenkeimling wird auch “Elefantenohr” genannt – man sieht warum, oder?

Augen auf: Im Frühjahr gibt es viel zu entdecken

Jetzt im Mai solltet ihr vor allem auf die Frühblüher achten, empfehlen Felix und Simon. Im Göttinger Wald stehen lilafarbene Waldveilchen neben gelben Windröschen, aber auch Aronstab und ein paar Walderdbeeren findet man schon. “Die Frühblüher nutzen das Licht aus, das jetzt noch bis auf den Waldboden fällt.”, erklärt Felix.

Den beiden ist die Begeisterung für den Wald anzumerken. Sie tauschen sich aus, weisen sich auf Auffälligkeiten hin, fragen nach. Keine Pflanze ist uninteressant. “Es tut so gut, dass jetzt alles wieder grün wird”, schwärmt Simon. Das sei eine Folge des Forststudiums: Man entwickelt ein Auge für Strukturen, Bewirtschaftungskonzepte und Veränderungen und nimmt die Jahreszeiten viel stärker wahr.

Wald-Bingelkraut ist ein Zeichen für guten Boden.

“Klimawandel ist ein mega Thema”

Obwohl der Mischwald in Göttingen besonders gut gewappnet ist, werden auch hier an vielen Stellen die Folgen des Klimawandels sichtbar. An einigen Buchen sind auffällige dunkle Flecken zu sehen. “Das nennt sich Schleimfluss”, erklärt Simon: “Das ist ein Zeichen dafür, dass der Baum durch den Klimawandel unter Trockenstress leidet.” Klimawandel ist ein großes Thema für die Forststudenten. Später finden wir die Flecken an einem weiteren Baum. “So schlimm habe ich den Schleimfluss hier noch nicht gesehen”, sagt Simon. “Das gab es zwar schon vorher stellenweise, aber so gehäuft stellen wir das erst in den letzten Jahren fest.”

Simon zeigt “Schleimfluss” an der Rinde – eine Folge des Klimawandels.

Richtig pflücken: 1 aus 25

Stellenweise ist der Waldboden von Waldmeister bedeckt. Passend, dass die Studenten für nächste Woche einen Beitrag darüber inklusive Maibowle-Rezept planen. Aber wie sammelt man eigentlich richtig? Generell ist es nicht verboten, im Wald die Wege zu verlassen oder in Handstraußgröße Pflanzen zu pflücken, solange es keine geschützten Arten sind. Dabei solltet ihr euch aber immer der Natur gegenüber respektvoll verhalten. “Wir sind nur Gast in der Natur”, sagt Simon. Zum Beispiel solltet ihr nicht durch sogenannte Dickungen – Jungbestände – laufen, damit diese die Möglichkeit haben, zu wachsen. Außerdem solltet ihr euch an die Regel “1 aus 25” halten, wenn ihr sammelt, um den Bestand nicht zu gefährden. Und natürlich gilt, das betonen Simon und Felix noch einmal: “Nur essen, was man kennt.”

Auf Spurensuche: Waldtiere finden

Während des Waldspaziergangs machen Simon und Felix auf Höhlen, Wassermulden an Bäumen und Astlöcher aufmerksam. Ein Blick lohnt sich, denn darin entwickeln sich häufig neue Mikrohabitate, die verschiedensten Waldbewohner*innen ein Zuhause bieten. In einer abgestorbenen Buche finden wir Spechtlöcher und die Fruchtkörper von Zunderschwämmen – Baumpilz. “Totholz ist wichtig”, erklärt Simon. In Spechtlöchern nisten zum Beispiel Fledermäuse.

Ein abgebrochener Ast hat an diesem Baum ein Loch zurückgelassen. Das könnte als Wildtier-Wohnung, zum Beispiel für ein Wildkatze, dienen.

Ein großes Loch, verursacht durch einen ausgebrochenen Stamm, zieht die Aufmerksamkeit der Forststudenten auf sich. “Darin könnte sich gut eine Wildkatze verstecken”, kommentiert Felix. Wildkatzen kehren langsam in die umliegende Region zurück: “Vielleicht verirrt sich eine hierher.” Wildspuren finden wir nicht, dafür sind wir noch zu dicht an dem bewohnten Teil der Stadt. Auf Youtube haben erklären die Studenten aber, wie es geht: 

Wusstet ihr, dass…

…Rehe bellen? “Neulich hat jemand gefragt, woher das Geräusch, das wie Bellen klingt, stammt – im Wald seien doch keine Hunde.” Die Erklärung? Das Geräusch ist ein Warnruf von Rehen und heißt auch “Schrecken”.

Warum die Jagd wichtig ist

Felix erklärt, dass auch im Göttinger Wald darauf gesetzt wird, den Bestand natürlich zu verjüngen. Damit der Wald auf diese Weise gesund bleibt, ist die Jagd ein wichtiger Bestandteil der Forsttätigkeit. Wird der Wildbestand zu groß, gefährdet das die natürliche Verjüngung – etwa weil für Rehe die Knospen junger Triebe ein leckerer Snack sind.

Auf dem Weg lässt uns ein Eichelhäher nicht aus den Augen. “Guck mal, wir werden von der Waldpolizei verfolgt”, sagt Simon und zeigt auf den Vogel, der an seinem auffälligen Krächzen zu erkennen ist. “Waldpolizei” wird er deshalb genannt, weil er durch auffälliges Krächzen auf die Anwesenheit von anderen Tieren (oder Menschen) hinweist. “Das ist auch bei der Jagd praktisch”, ergänzt Felix, “wenn sich die Wildschweine verstecken.”

Das Holz in diesem Holzpolter weist Fäulnis und Spechtlöcher auf – das mindert die Qualität. Es wird vermutlich als Industrieholz benutzt und zu einem Zellstoff weiterverarbeitet, zum Beispiel Toilettenpapier.

What’s next?

Simon wollte schon früh Förster werden und ist vor allem über die Jagd zum Forststudium gekommen. Felix sieht in dem vielseitigen Studium die Möglichkeit, BWL und Naturschutz zu verbinden und nachhaltig zu wirtschaften. Ob dafür Zeit bleibt? Denn mit “Forst erklärt” haben die drei noch einiges vor: Ein Webshop um eigene Produkte wie Waldkalender anzubieten ist nur ein Vorgeschmack. Langfristig könnten sie sich auch das Herausgeben eigener Bücher vorstellen – zum Beispiel Bestimmungsbücher, damit der Waldspaziergang ein bisschen schlauer macht.

Felix und Simon haben mit “Forst erklärt” noch einiges vor.

Nach etwa zwei Stunden verabschieden wir uns. Felix will noch schnell eine Story für Instagram machen und der Terminkalender für die nächsten Tage ist voll: Am Wochenende bereiten sie den Drehplan für den nächsten Monat vor, klären, wie sie einen Wanderweg mitgestalten, treffen bekannte Förster und wollen zeigen, wie man ein Reh korrekt auseinander nimmt – für den nächsten Beitrag in ihrem Blog. “Vielleicht haben wir noch Zeit uns Moorfrösche anzugucken”, sagt Simon.

Wenn ihr noch Fragen habt, könnt ihr Felix, Simon und Jan über ihre Webseite oder ihre Social Media Kanäle kontaktieren.

Foto- & Videocredits

Falls keine weiteren Hinweise angegeben sind, gilt folgender Fotohinweis:

Göttingen Tourismus und Marketing / Lakemann

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Leonie Lakemann

Zu Göttingen gehören für mich: Kultur, Wissenschaft, Räume für Kreativität – und das obligatorische Bier am „Willi“ (wie der Wilhelmsplatz von Göttinger*innen liebevoll genannt wird). Und eben weil das hier alles so gut zusammen geht, bin ich nach dem Studium einfach hier geblieben.
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