Im Krieg verschollen: das Göttinger Ei

Göttingen, die Stadt, die Wissen schafft, so lautet der offizielle Slogan. Nicht nur, dass die Lebensläufe von 44 Nobelpreisträgern eng mit der Stadt und der Universität verbunden sind, Göttinger Forscher und Unternehmer haben ihrer Nachwelt auch zahlreiche Erfindungen hinterlassen. Bahnbrechende, wie beispielsweise den Gauß-Weber-Telegraphen oder den Blitzableiter, eher triviale, wie die Bihunsuppe, aber es gab auch geniale Entdeckungen, die doch am Ende gescheitert sind. Eine davon ist der Schlörwagen, ein von Ingenieur Karl Schlör von Westhofen-Dirmstein entwickelter Fahrzeug-Prototyp, der 1939 für Aufsehen sorgte. Allerdings hat es das Gefährt, was liebevoll „Göttinger Ei“ genannt wird, nicht über das Experimentalstadium hinausgeschafft.

Sensationelle Aerodynamik

Die Modellversuchsanstalt für Aerodynamik im Jahr 1919. Foto: DLR

Strömungsforschung 1920: Ein Zeppelin-Modell LZ120 „Bodensee“ im Windkanal. Foto: DLR

Mir ist der Schlörwagen bei einem Besuch des PS.Speichers in Einbeck begegnet, als Modell im Maßstab 1:5. Was dort auf der Infotafel beschrieben war, hat meine Neugier geweckt und ich habe mich auf Spurensuche begeben. Beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bin ich fündig geworden. Strömungsforscher der Aerodynamische Versuchsanstalt, einer von vier Vorläuferorganisationen des DLR, stellten vor über 80 Jahren ein Auto vor, dass als konsequenteste Umsetzung der Aerodynamik im Fahrzeugbau galt. Getestet wurde übrigens in einem Windkanal Göttinger Bauart.

 

Die Windschlüpfigkeit des Schlörwagens, gemessen als sogenannter Cw-Wert, den ihr sicher von euren eigenen Autos kennt, war mit 0,186 sensationell niedrig. In den 1970er-Jahren haben Experten von Volkswagen an einem Modell nachgemessen und bescheinigten dem Experimentalfahrzeug sogar einen Cw-Wert von nur 0,15. Heutige Pkw reichen mit 0,24 bis 0,3 nicht an die günstige aerodynamische Form des Schlörwagens heran. 

Familienauto statt Geschwindigkeitsrekord

Raum für sieben Personen: Der Schlörwagen war als Familienauto konzipiert. Foto:DLR

Wollte ein verbrauchsarmes Familienauto bauen: Karl Schlör. Foto: DLR

Karl Schlör lag es allerdings völlig fern, mit diesem Fahrzeug irgendwelche Geschwindigkeitsrekorde aufstellen zu wollen. Seine Intention war es vielmehr, ein Auto zu bauen, das einer ganzen Familie Raum bieten und bei normaler Fahrgeschwindigkeit einen besonders niedrigen Verbrauch haben sollte. Das klingt, gerade aus heutiger Sicht, in Zeiten von Klimawandel und Energiediskussionen, nach einem ausgezeichneten Plan. Schlör wählte für die Grundform des Wagens zwei Profile von Flugzeugtragflächen mit einem besonders niedrigen Luftwiderstand aus. Die Form des Fahrzeugs ähnelte der eines halben Tropfens, was ihm wohl später die Spitznamen „Göttinger Ei“ oder „Flügel auf Rädern“ einbrachte.

Imposante Fahrzeugbreite

Stattliche 2,10 Meter: Die aerodynamische Karosserie ließ den Wagen sehr breit werden. Foto:DLR

Von 1936 bis 1939 gebaut: Mercedes-Benz 170 H Limousine mit Heckmotor. Foto: Daimler AG

Soweit die Theorie. Die praktische Umsetzung allerdings stieß an die Grenzen der Fahrsicherheit. Um die aerodynamisch günstige Form so wenig wie möglich zu stören, wurde die Aluminium-Karosserie, übrigens auf einem serienmäßigen Fahrgestell eines Mercedes-Benz 170 H montiert, soweit nach außen gezogen, dass sich die Vorderräder innerhalb des Blechkleids drehen konnten. Diese Konstruktion führte zu einer imposanten Fahrzeugbreite von 2,10 Metern, und das ist auch für heutige Verhältnisse echt heftig. Der Boden des Fahrzeugs war verkleidet, die Fenster schlossen bündig mit der Außenhaut ab. Hervorstehende Teile wie Türgriffe oder Außenspiegel? Fehlanzeige.

20 bis 40 Prozent weniger Kraftstoff

Mittig angebrachtes Lenkrad: eine Innenansicht des Prototyps. Foto: DLR

Fahrgestell von Mercedes: Original-Zeichnung aus dem Jahr 1937. Foto: DLR

1939, auf der bei Göttingen gerade fertig gestellten Autobahn, absolvierten die Forscher mit dem Schlörwagen eine Reihe von Testfahrten. Die Höchstgeschwindigkeit betrug beim Serien-Mercedes rund 105 Kilometer pro Stunde, beim Stromlinienwagen beachtliche 136 km/h. Der Schlörwagen verbrauchte acht Liter, das Serienmodell hingegen zehn bis zwölf Liter – eine Kraftstoff-Reduzierung um 20 bis 40 Prozent auf 100 Kilometer. Wow, das ist für die damalige Zeit eine beachtliche Leistung.

Von Göttingen nach Berlin

Verbrauchsmessung: Testfahrten auf der gerade fertiggestellten Autobahn. Foto: DLR

Die positiv verlaufenen Testfahrten offenbarten allerdings auch die Schwächen des Prototyps, die eben mit der aerodynamischen Konstruktion einhergingen. Der Schlörwagen war nicht nur sehr schwer fahrbar, sondern auch sehr seitenwindempfindlich. Stärkere Böen hätten den Wagen wohl glatt von der Straße gefegt. Die DLR-Forscher glauben heute, dass diese Probleme in unserer Zeit möglicherweise mit Hilfe elektronischer Fahrassistenzfunktionen in den Griff zu bekommen gewesen wären. Tja, so weit war man damals allerdings noch lange nicht. Obwohl eine Serienproduktion aus vorgenannten Gründen nicht in Frage kam, bekam der Schlörwagen die ganz große Bühne bereitet. Nach Abschluss der Fahrtests in Göttingen, wurde er auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Berlin einem staunenden Publikum vorgestellt. Doch der Zweite Weltkrieg machte jegliche Pläne für eine Weiterentwicklung von Personenkraftwagen zunichte.

Aufsehen mit riesigem Propeller

Aufsehenerregend: Das „Göttinger Ei“ mit einem russischen Flugzeugpropeller. Foto: DLR

Danach sorgte das Stromlinienfahrzeug nur noch einmal für Furore. 1942 wurde der Schlörwagen mit einem 130-PS-Flugzeugpropeller aus russischer Kriegsbeute ausgestattet. Die ungewöhnliche Konstruktion soll auf einer Testfahrt in Göttingen großes Aufsehen erregt haben. Danach verschwand das Einzelstück nicht nur aus dem Blick der Öffentlichkeit, sondern in Gänze. Erfinder Schlör wollte 1948 das fahruntüchtige Auto mit beschädigter Karosserie, Sitze und Räder waren im Krieg ausgebaut worden, aus Göttingen abholen. Allerdings erteilte die britische Militärverwaltung keine Freigabe dafür. Danach verliert sich die Spur des Fahrzeugs. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeugwrack irgendwann schlicht und ergreifend entsorgt wurde, ist leider sehr hoch, vermuten DLR-Verantwortliche.

Wenn ihr Spaß an dieser Göttinger Erfindung hattet, kann ich euch noch das Taschenbuch “Entdeckt, erdacht, erfunden” ans Herz legen, das in Wort und Bild über weitere Entdeckungen aus unserer Stadt berichtet. 

Foto- & Videocredits

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