Bronze, Marmor, Edelstahl: Kunst in der Stadt

Die bildende Kunst ist in Form von Malerei, Bildhauerei und Architektur in Göttingen allgegenwärtig, und das nicht nur in Galerien, Ausstellungen oder dem Museum. Kunstwerke finden sich in unserer schönen Stadt vielfach im öffentlichen Raum oder in Gebäuden, die für jedermann frei zugänglich sind. „Kunst in der Stadt“ ist auch das Thema eines Rundgangs, den die Tourist-Information Göttingen mehrmals im Jahr als öffentliche Themenführung oder als individuell buchbaren Rundgang anbietet. Gästeführer Hilmar Stemmler öffnet die Augen, gibt Informationen über die Künstlerinnen und Künstler und hilft – ohne zu bewerten – beim bewussten Sehen und Einordnen der unterschiedlichen Objekte.

Beeindruckend: Wandmalerei in der Halle des Alten Rathauses. Foto: Christoph Mischke

“Alltid vörup!”: zum Kampf bereiter Landsknecht. Foto: Christoph Mischke

Ich mache mit euch heute einen eigenen kleinen Rundgang durch die Altstadt. Völlig subjektiv, und ohne besonderen kunstgeschichtlichen Hintergrund, zeige ich euch eine Auswahl meiner persönlichen Lieblingswerke in der City. Ausschließlich innerhalb des Walls, sonst würde es den Rahmen dieses Magazinbeitrags sprengen. Ich weiß zwar nicht bei jedem Objekt, was uns der Künstler mit seiner Arbeit sagen möchte, aber ich spüre natürlich, ob und wie mich ein Kunstwerk berührt.

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Mittelalter-Szenen im Alten Rathaus

Meine Begegnung mit der Kunst beginnt morgens. Auf dem Weg ins Büro, der ehemaligen „Rathsstube“, muss ich die Halle des Alten Rathauses durchqueren. Die Malereien, mit denen der Hannoveraner Maler Hermann Schaper im 19. Jahrhundert die Wände verziert hat, faszinieren mich jedes Mal. Sehr realistisch hat der Künstler die mittelalterlichen Szenen aus dem täglichen Leben der einfachen Bürger sowie dem Handwerk und der Obrigkeit dargestellt.

Reich verziert: der kleine Balkon an der Südseite der Halle. Foto: Christoph Mischke

Stadtwappen: Göttingen war Mitglied der Hanse. Foto: Christoph Mischke

„Wer sich der Armen erbarmet, der ehret Gott“ ist auf einem Spruchband an der Südwand zu lesen, gleich neben dem kleinen Balkon, der mit goldenen Löwen, Krone und dem Göttinger „G“ verziert ist.

Eine Frau verteilt Brot an augenscheinlich sehr bedürftige Menschen. Eine düstere und rührende Ansicht, von der sich meiner Meinung nach auch, und gerade heute, noch viel mehr Zeitgenossen leiten lassen sollten.

Der Fries mit zahlreichen Städtewappen verweist auf die ehemalige Mitgliedschaft Göttingens in der Hanse. Das Göttinger Wappen findet ihr direkt über der schweren, hölzernen Tür zur Dorntze, dem ehemaligen beheizbaren Sitzungsraum, der heute als Trauzimmer genutzt wird. Schaut euch den Raum am besten einmal während einer öffentlichen Stadtführung an. Das hinterleuchtete Fenster an der Stirnseite ist traumhaft schön.

Lichtenberg und Rauschenplatt

Bei Nacht: Lichtenberg-Denkmal auf dem Marktplatz. Foto: Christoph Mischke

Zweiteilig: die “Göttinger Erhebung” vor der Tourist-Information. Foto: Christoph Mischke

Draußen auf dem Marktplatz könnt ihr, neben unserem Gänseliesel, zwei weitere Kunstwerke betrachten. An der Nordseite des Rathauses steht seit 1992 die Bronzeskulptur von Georg Christoph Lichtenberg. Der Göttinger Verleger Tete Böttger hat sie aus eingeschmolzenen Enver Hodscha-, Lenin- und Stalin-Büsten fertigen lassen und der Stadt 2015 offiziell geschenkt.

Moderner geht es auf der gegenüberliegenden Seite zu. Direkt vor der Tourist-Information steht das zweiteilige Werk „Göttinger Erhebung“ des Künstlers Andreas Welzenbach. Es sieht aus, wie aus Holz gefertigt, dabei handelt es sich um farbig lackierte Skulpturen aus Bronze und Stahl. Die rechte Stele zeigt den Göttinger Privatdozenten Doktor Johann Ernst Arminius von Rauschenplatt. Der Revolutionär und Freiheitskämpfer stürmte 1831 im Zuge der sogenannten „Göttinger Revolution“ das Rathaus, bildete einen Revolutionsrat und setzte den Magistrat der Stadt Göttingen ab. Kinder entdecken dieses Kunstwerk weitaus häufiger, als Erwachsene, ist mir aufgefallen. Sie verstecken sich gerne hinter der innen hohlen Figur mit dem großen Mund und machen dort ihre Faxen. Rauschenplatt hätte wohl seine Freude daran gehabt.

Diabas und Bronze

Vor dem Börner-Viertel: zwei Torsi aus Diabas-Stein. Foto: Christoph Mischke

Gefangen? “Der Mann am Schreibtisch” von Bernd Altenstein. Foto: Christoph Mischke

Auch in der Barfüßer Straße, nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt, steht ein Kunstwerk, das vielen nicht sofort auffällt: Die „Steinbewachsenen Torsi“ von Bildhauer Wolf Bröll flankieren den nördlichen Zugang zum Börner-Viertel. Teils poliert und schwarz glänzend, teils rau und ungeschliffen stehen die tonnenschweren Steine aus Diabas, scheinbar unvollendet, auf einem Sandsteinsockel. Zwei weitere Torsi findet ihr auch am Süd-Eingang in der Roten Straße. Das hübsche kleine Börner-Viertel wartet noch mit einem weiteren Kunstwerk auf, das es zu entdecken gilt: „Der Mann am Schreibtisch“. Die Bronze-Arbeit des Bremer Künstlers Bernd Altenstein, der auch die Skulpturen „Der Tanz“ am Nabel und „Kleine Welt“ in der Düsteren Straße im Durchgang zur Gartenstraße erschaffen hat. Ich finde es beeindruckend, wie die Figur des Mannes mit seinem Schreibtisch geradezu verschmilzt, als ob er darin gefangen ist.

Sonnenuhr und Jakobus

Scharfsinnig: die etwas andere Sonnenuhr in der Jüdenstraße. Foto: Christoph Mischke

Schlicht: die Jakobus-Skulptur mit Hut, Stock und Muschel. Foto: Christoph Mischke

Kennt ihr die „Sonnenuhr“ von Reinhold Wittig in der Jüdenstraße, direkt vor der Südfassade des Ernst-Honig-Hauses? Dessen neun in Stein gehauene Gesichter sind übrigens Karikaturen Göttinger Originale, also auch schon wieder Kunst. Wittigs Sonnenuhr ist, wie viele seiner Werke, eigen-, hinter- und vor allem scharfsinnig. Mir hat sich die Funktionsweise nicht auf den ersten Blick erschlossen, aber im Netz bin ich fündig geworden. Hier könnt ihr nachlesen, was sich der ideenreiche Göttinger Künstler und Spieleautor dabei gedacht hat. Muss man erst einmal drauf kommen.

Schräg gegenüber steht eine Jakobus-Skulptur. Gisela Hyllus, die Inhaberin der Galerie Alte Feuerwache, hat die Figur 2008 gestiftet. Ich mag den „Jakob“ mit Hut, Wanderstock und der großen, goldenen Jakobsmuschel in der Hand, gerade wegen seiner Schlichtheit. Leider wurde die Muschel im Lauf der Jahre schon mehrfach beschädigt. Ein Schicksal, das auch andere Werke renommierter Künstler hin und wieder betrifft. Aber das ist wohl ein Risiko, dass man leider gehen muss, wenn man Kunst im öffentlichen Raum bieten möchte.

Drei Kunstwerke im Innenhof

Vom Literaturnobelpreisträger: Günter Grass’ “Butt im Griff”. Foto: Christoph Mischke

Bereit für Selfies: Besucher*innen setzen sich häufig zu Lichtenberg. Foto: Christoph Mischke

Der Innenhof der Paulinerkirche am Papendiek ist ein Ort, den ich gerne besuche. Hier sind drei Kunstobjekte zu sehen. Noch ein Lichtenberg, im Gegensatz zum Denkmal auf dem Marktplatz aber im Sitzen dargestellt, und umgeben von Büchern. Viele Göttingen-Besucher*innen lassen sich hier mit dem berühmten Sohn der Stadt, den Volker Neuhoff aus Nienburg gestaltet hat, fotografieren. Die beiden Sandsteinbänke laden ja auch dazu ein. Am Eingang des Hofes hat ein weiterer, Göttingen verbundener Künstler eines seiner Werke hinterlassen. „Butt im Griff“ heißt die Skulptur von Literaturnobelpreisträger Günter Grass, dessen Gesamtwerk im Göttinger Steidl-Verlag erscheint. Mir fällt eine Uni-Veranstaltung vor einigen Jahren ein, in deren Verlauf eine Mitarbeiterin den Bronze-Fisch überschwänglich auf den Mund geküsst hat. Auch dazu kann ein öffentlich zugängliches Kunstwerk führen.

Klingonisch am Telegrafen

Interaktiv: Gauß-Weber-Telegraf an der Paulinerkirche. Foto: Christoph Mischke

Direkt neben dem Butt erinnert ein interaktives Kunstwerk an Carl Friedrich Gauß, den „Fürsten der Mathematik“, wie er auch genannt wurde. Die Nachbildung des Gauß-Weber-Telegrafen ziert ein etwas sperriger Satz. „Ruf doch gleich mal zuhause an und erzähle, dass du gerade an dem Ort bist, an dem in Göttingen 1833 die erste elektromagnetische Telekommunikation stattgefunden hat. Und dass du gerade selbst ausprobiert und nacherlebt hast, wie umständlich es damals war“, ist in 26 verschiedenen Sprachen darauf zu lesen. Sogar im klingonischen Original. Dieser teilverglaste Bronze-Block markiert, gemeinsam mit seinem Gegenstück an der historischen Sternwarte in der Geismarlandstraße, den Anfang und Endpunkt der ersten elektromagnetischen Telegrafenleitung.

Die dunkle Seite der Geschichte

Edelstahl: das flammenförmige Synagogen-Mahnmal. Foto: Christoph Mischke

Das für mich beeindruckendste und wichtigste Monument in der Stadt, steht an der Kreuzung Obere-/Untere-Masch-Straße: das Mahnmal für die in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis niedergebrannte Göttinger Synagoge. Der jüdischstämmige italienische Künstler Corrado Cagli hat die Konstruktion aus Edelstahl und Beton 1973 geschaffen. Die vertiefte und begehbare Gedenkstätte zeigt am Boden den Davidstern, das jüdische Glaubenssymbol. Fünf Bronze-Namenstafeln erinnern an die 282 im Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Bürger*innen aus Stadt und Landkreis. Darüber erhebt sich das flammenförmige Kunstwerk. 86 glänzende Stahl-Dreiecke, die sich nach oben verjüngen, und außerdem in sich verdreht sind, hat der Künstler übereinandergestapelt. So schwer die Bürde der dunklen Seite der Geschichte auch wiegt, strahlt das Mahnmal eine gewisse Leichtigkeit aus. Darüber hinaus, und das möchte ich auch gar nicht verhehlen, bietet es eine Fülle von Fotomotiven aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Selbst entdecken

Kunst meets Kultur: Figuren-Ensemble am Deutschen Theater. Foto: Christoph Mischke

Etwas versteckt: “Kleine Welt” in der Düsteren Straße. Foto: Christoph Mischke

Albaniplatz: “Die Läuferin” am Aufgang zum Wall. Foto: Christoph Mischke

Es gibt noch so viele Kunstwerke in der Innenstadt, die ich bisher gar nicht erwähnt habe.

Uwe Schloens sechsteiliges Skulpturenensemble vor dem Deutschen Theater,

• Die Läuferin“ von vom Göttinger Bildhauer Joachim Eriksen, die am Wallaufgang Albaniplatz, direkt neben seinem Atelier steht,

• „Mensch und Wissenschaft“, die Plastik aus weißem griechischen Marmor am südlichen Eingang der Goetheallee und noch einige mehr.

Wohlgemerkt, alle innerhalb des Stadtwalls. Außerhalb der Kernstadt, vom Klinikum bis nach Elliehausen und vom Hainberg bis in die Leineaue, gibt es noch Dutzende weitere Werke, die es zu entdecken gilt. Ein kleiner Wegweiser bei euren Streifzügen kann euch die städtische Website „Brunnen – Denkmale – Kunstwerke“ sein.

Die nächste Stadtführung “Kunst in der Stadt” bietet Gästeführer Hilmar Stemmler am Sonnabend, 10. Oktober an. Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Kunstgenuss.