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Nikolaiviertel: Göttingens kreativer Stadtteil

30. September 2021
Offene und kreative Menschen, Kunst auf der Straße und im Kunsthaus, handgemachte Snacks von Falafel bis Kuchen und mittendrin die Überreste der historischen Stadtmauer – das alles vereint das sympathisch unangepasste Göttinger Nikolaiviertel.

Im Viertel zwischen Groner Straße, Düstere Straße, Turmstraße und Nikolaistraße, wo früher hauptsächlich der ärmere Teil der Göttinger Bevölkerung wohnte und arbeitete, findet sich heute ein bunter, aufstrebender Kiez. Eine solidarische Nachbarschaft, wo man sich kennt und gegenseitig unterstützt – politisch aktiv, quirlig, kreativ und multikulturell. Hier entsteht auch das Kunstquartier. Eine Initiative des renommierten Göttinger Verlegers Gerhard Steidl, um die Aufmerksamkeit auf die internationale Kunstszene in Göttingen zu lenken und viel kreatives Know-how der Stadt zu bündeln. Wir nehmen euch mit auf einen Rundgang durch dieses in jeder Hinsicht spannende Viertel.

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Individuelle Geschäfte

Vielfältig: Blick in die Düstere Straße.

Nein, düster ist es in der Düsteren Straße ganz sicher nicht, höchstens an tiefgrauen Regentagen. Ihren Namen erhielt die Straße vermutlich, weil die zum Trocknen aufgehängten gefärbten Tuche der Wollenweber, Anfang des 16. Jahrhunderts, die Sonne verdunkelten. Neben der parallel verlaufenden Nikolaistraße ist sie als Fußgängerzone eine der beiden Nord-Süd-Achsen, die durch eines der ältesten und damals ärmsten Göttinger Stadtviertel führen. Wer offenen Auges durch dieses Quartier schlendert, entdeckt neben zahlreichen individuellen Geschäften und Dienstleistern – von der Thai-Massage bis zu Friseursalons – auch die Kunst in ihrer gesamten Bandbreite.

Kopfsteinpflaster, Fachwerk und Backstein

In Altrosa: restauriertes Fachwerk im Innenhof.

Der Innenhof, der sich neben der Familienbildungsstätte nach Westen öffnet, ist so ein Kleinod. Kopfsteinpflaster auf dem Boden, restauriertes Fachwerk und roter Backstein an den Fassaden. Ebenso divers zeigt sich die Liste der hier ansässigen Unternehmen.

Kreative Werbung: das Coworking Space by Pro Office.

Von der Dentalpraxis bis zur Theaterproduktion der „Stille Hunde“ von der Gastronomie bis zum innovativen Coworking Space by „Pro Office“. Hierher gelangt ihr übrigens auch über einen Durchgang von der Groner Straße, denn am Leinekanal befand sich früher eine Brauerei, die logistisch von der Hauptstraße aus zugänglich sein musste.

Kunst im öffentlichen Raum: die Bronze-Skulptur “Kleine Welt”.

Vor seinem Pub „The Queen‘s Head“ treffe ich Inhaber Frank Tiemann, der gerade den Fass-Brunnen auf der kleinen Außenterrasse mit LED-Stripes bestückt. „Ich will es meinen Gästen noch ein bisschen gemütlicher machen“, sagt er. Dann lässt er mich einen Blick in vormittags noch geschlossene englische Kneipe werfen. An Wänden und Decke findet sich ein herrlich schräges Sammelsurium von Bierdeckeln, Blechschildern, Fußball-Trikots und Deko aus allen Ecken dieser Welt. „Vorwiegend Mitbringsel von Stammgästen“, sagt der Wirt lachend. Schaut’s euch am besten selbst einmal an.

Idylle pur am Leinekanal

Die Rückseite: Vom Leinekanal aus bieten sich reizvolle Anblicke.

Bernd Altensteins Bronze-Skulptur „Kleine Welt“, die inmitten der Außenbestuhlung steht, lohnt mit ihren zahlreichen Details auch mehr als einen kurzen Blick. Wenn ihr die Brücke über den Leinekanal überquert habt und euch umdreht, könnt ihr erahnen, wie es hier vielleicht vor 300 oder 400 Jahren ausgesehen haben könnte. Der Wasserlauf, das schmale Pultdach-Fachwerkhaus, in dem sich derzeit noch das Literarische Zentrum befindet, der hübsche Garten der Galerie Ahlers und weitere Gärten in der Nachbarschaft – Idylle pur. Zurück in der Düsteren Straße solltet ihr, zumindest wenn ihr Liebhaber von Vinyl-Schallplatten seid, einmal in den Entertainment-Store hineinschauen. Inhaber Charles ist Herr über Tausende von Longplayern – von Broilers bis Hendrix, von Abba bis Lou Reed.

Kunsthaus

Gruppenausstellung: Kuratorin Ute Eskildsen vor Jo Longhursts Werk “I know what you are thinking”.

Nebenan reckt das im Juni eröffnete Kunsthaus Göttingen seinen spitzen Giebel in den Himmel. An seiner schlicht grauen, horizontal strukturierten und nahezu fensterlosen Putzfassade scheiden sich die Geister. Die einen lieben sie, manche finden sie fürchterlich. Viel wichtiger ist, meiner Meinung nach, was sich dahinter verbirgt. Gerhard Steidl, Gründungsdirektor, Verleger und, laut Karl Lagerfeld, „bester Buchdrucker der Welt“, hat hier, mit Unterstützung der Stadt und Förderern aus der Wirtschaft, seine Jahrzehnte alte Vision eines Ausstellungshauses verwirklicht. Mit dem Ziel, hochkarätiger, zeitgenössischer Kunst mit internationaler Ausrichtung mehr Raum und Präsenz zu geben.

Persönlich: Pop-Art-Künstler Jim Dine eröffnet Anfang September 2021 seinen Pavillon “House of Words”.

Dass dies gelungen ist, zeigt der Erfolg der bislang gezeigten Ausstellungen. Am 24. September wurde mit “Modell Tier” eine Gruppenpräsentation eröffnet, die Projekte von acht internationalen Künstler*innen vorstellt. Bis zum 2. Januar 2022 werden Videos, Fotografien, Zeichnungen und Installationen gezeigt. Auch der Innenhof des Kunsthauses ist für Besucher*innen geöffnet, mit Kinderspielplatz und dem absolut sehenswerten „House of Words“ des Pop-Art-Künstlers Jim Dine.

Geliebt und geschmäht: die Fassade des Kunsthauses Göttingen polarisiert.

Das Kunsthaus Göttingen ist das Herzstück des hier entstehenden Kunstquartiers (KuQua), das auch benachbarte Betriebe im Viertel integrieren und deren Arbeitsprozesse der Öffentlichkeit zugänglich machen will. Auch Steidl möchte seine Verlagsräume und die Druckerei öffnen. „Natürlich nicht für Hunderte von Leuten, die durchströmen, aber es wird ein transparentes Haus werden“, sagt er, „wie die gläserne Automanufaktur in Dresden.“ Im Quartier wird es verschiedene Werkstätten geben, die sich mit Papier beschäftigen: die derzeit geschlossene traditionsreiche Buchbinderei Oschmann wird von Steidl wiederbelebt sowie ein Rahmengeschäft für hochwertige Verglasung.

Zigarettenpause: Klaus Schild vor dem “Roten Buchladen” am Nikolai-Kirchhof.

Der Verlags-Bookstore ist bereits geöffnet und der „Buchladen Rote Straße“ hat seinen Sitz auch schon 25 Jahre lang am benachbarten Nikolai-Kirchhof. Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens soll hier 2022 ein großes Fest gefeiert werden, sagt mir Klaus Schild, der Älteste des Betreiber-Kollektivs. Nebenan ist auch der VONWEGEN-Verlag zuhause. Chefin Vanessa, von den meisten nur “Nessie” genannt, Charlotte und ihre Mitstreiter*innen geben hier ihr kleines, feines Stadtmagazin heraus.

Liebevoll restauriert: das Günter-Grass-Archiv.

Das unmittelbar an das Kunsthaus grenzende Günter-Grass-Archiv in einem der ältesten Wohnhäuser Deutschlands ist derzeit geschlossen. Ich bin gespannt, wann es wieder geöffnet wird und in welcher Form das literarische Vermächtnis des Schriftstellers, dessen Verleger und Freund Steidl war, hier gezeigt wird.

Kunst auch im Kleinen

Pro & Contra: Befürworter des Kunstquartiers machen ihre Haltung deutlich…

…aber auch dessen Kritiker finden kreative Wege ihren Unmut kundzutun..

Kunst findet ihr in dieser Gegend aber nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Ihr müsst nur aufmerksam hinschauen. Politisch, sarkastisch und manchmal auch einfach nur lustig haben sich kreative Zeitgenossen an mancher Fassade verewigt. Gesprüht, geklebt, gemalt oder in kleinen Fliesen-Mosaiken. Einen Banksy sucht man hier vergebens, aber an Kritik an den derzeitigen Verhältnissen auf der Welt, in Göttingen und, ja, auch an diesem Viertel, mangelt es nicht. So haben die magentafarbenen Solidaritätsaufkleber „Wir sind KuQua“, die an einigen Hauseingängen und Fenstern pappen, längst ihr himmelblau gesprühtes Pendant gefunden.

Historische Göttinger Stadtbefestigung

Massives Relikt: der Turm der inneren Göttinger Stadtmauer.

Die Grafitti-Sprayer haben die historische innere Stadtmauer entlang der Turmstraße weitestgehend verschont. Ein jahrhundertealter Zeitzeuge aus Stein, der auch Inhalt der Stadtführung „Immer an der Wand entlang“ ist, die von der Tourist-Information am Markt angeboten wird. Schaut euch den mächtigen Wehrturm, den letzten erhaltenen Turm der inneren Göttinger Stadtbefestigung, aus dem 12. Jahrhundert an der Ecke zur Nikolaistraße einmal an. Beeindruckend, nicht wahr?

Leckeres auf der „Imbissmeile“

Von Croissant bis Couscous: Die Nikolaistraße bietet euch eine leckere Vielfalt.

Solltet ihr jetzt Hunger verspüren, seid ihr genau richtig. Die Nikolaistraße wird salopp gerne auch die „Imbissmeile“ genannt, was ihr aber nicht gerecht wird, denn es gibt hier so viel mehr. Bis tief in die Nacht bekommt ihr hier frische Pizza, leckere Panzarotti, Döner in allen Varianten, von vegetarisch bis Dürüm, Falafel, Couscous und vieles mehr. Wer hier nichts findet, ist nicht hungrig. Frühstücken oder euch bei lecker Kaffee und Kuchen zusammensetzen, könnt ihr euch beispielsweise im Weltladen-Cafe oder im niedlichen „Birds“.

Literatur im KuQua

Unter Nachbarn: Vanessa, Chefin des Vonwegen-Verlags, trifft Viola und Frank-Peter von der Galerie Ahlers.

Da habt ihr auch einen prima Blick auf das dreiflügelige Eingangsportal zur Hausnummer 22. Hier entsteht derzeit die neue Heimat für den Göttinger Literaturherbst und das bereits genannte Literarische Zentrum. Beide überregional bekannte Kultureinrichtungen werden hier in Zukunft ihre Kräfte bündeln und ich bin schon gespannt, wer im Literaturhaus demnächst alles zu Gast sein wird.

Nikolaistraße 22: Hier entsteht das Literaturhaus Göttingen.

Ein neuer spannender Baustein im KuQua. Und wenn euer Kopf nun von Kunst, Kultur, Streetart und Shopping raucht, dann schnappt euch im „Smiles“ ein hausgemachtes Eis, setzt euch auf die Stufen des Nikolai-Kirchhofs und chillt ein bisschen.

Treffpunkt: chillen auf dem Nikolai-Kirchhof.

Falls keine weiteren Hinweise angegeben sind, gilt folgender Fotohinweis: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke.

Nikolaiviertel: Göttingens kreativer Stadtteil

Christoph Mischke

Ich bin in "Chöttingen cheboren", so wie es wohl Schorse Szültenbürger in seinen vergnügten Geschichten in Göttinger Mundart geschrieben hätte. Ich hatte immer das Glück in meiner Heimatstadt leben und arbeiten zu können und halte es mit dem Historiker August Ludwig von Schlözer, der sagte: "Extra Gottingam non est vita, si est vita non est ita." (Außerhalb Göttingens kann man nicht leben, wenn aber doch, dann nicht so gut).
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