Wie ein Krimi entsteht: Tatort Göttingen

Im Frühjahr 2018 klingelt das Telefon. Andrea Giesel ist am Apparat und sagt lachend und wohl auch ein bisschen augenzwinkernd: „Wir haben es geschafft, in Göttingen wird ein Tatort gedreht.“ Andrea ist selbstständig und seit 25 Jahren im TV-Geschäft. Sie arbeitet als Produktionsleiterin und Location-Scout. Ich kenne sie seit einigen Jahren aus dem Nordmedia-Kommunennetzwerk. Dort treffen sich regelmäßig Location-Scouts und Vertreter*innen aus niedersächsischen Kommunen und sprechen über Filmförderung, aktuelle Projekte und darüber, was passiert, wenn Film-Produktionen in die Städte kommen. Im Rahmen dieser Treffen haben wir schon öfter von einem Göttingen-Tatort geträumt.

Story bestimmt Drehort

Netzwerken (v.l.): Angelika Daamen und Andrea Giesel. Foto: Nordmedia/Susanne Lange

Nun ist es tatsächlich so weit. Andrea ist beauftragt, Vorschläge für geeignete Drehorte zu machen. Sie kennt das Drehbuch, das natürlich eigentlich topsecret ist, und auch Göttingen gut. Da ich für Tourismus und Stadtmarketing zuständig bin, ist es unter anderem auch meine Aufgabe, Filmteams zu betreuen. Bisher ging es dabei in der Regel um Reisereportagen oder Dokumentationen. Jetzt geht es um eine Tatortproduktion, und das heißt für mich: umdenken. Die Story bestimmt den Drehort! Es spielt keine Rolle, was ich mit Blick auf ein positives Image der Stadt gerne im Film sehen würde. Und es geht um einen Krimi und nicht um eine Pilcher-Verfilmung mit Herz und Schmerz in wunderschöner Kulisse. Ohne menschliche Abgründe, soziale Brennpunkte und „Schmuddelecken“ kommt man in diesem Genre nicht aus.

Kein Postkartenmotiv: Die Hospitalstraße im Tatort „National Feminin“. Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus

Also besprechen wir „drehbuchgeeignete“ Orte. Andrea hat viel Vorarbeit geleistet und bereits Locations im Blick. Ich mache weitere Vorschläge und nenne Ansprechpartner*innen. Aber so viel Grips wir auch in die Auswahl der Drehorte stecken, letztendlich treffen Regie und Kamera die Entscheidung. Und die haben, wie sich später beim Ortstermin herausstellen wird, natürlich eigene Vorstellungen und Bilder im Kopf.

Die Tücken der Location-Suche

Location gefunden: Ein Friseursalon in der Goetheallee. Foto: NDR/Manju Sawhney

Nachdem geklärt ist, wo gedreht werden soll, fangen die Vorarbeiten für den Film vor Ort erst richtig an. Drehgenehmigungen für die Nutzung öffentlicher und privater Flächen müssen eingeholt werden, was nicht immer einfach ist. Trotz der Begeisterung der Göttinger*innen für ihren „eigenen“ Tatort, möchte beispielsweise ein Hauseigentümer nicht, dass seine Immobilie mit dem Fundort einer Babyleiche in Verbindung gebracht wird. Eine Ersatz-Location muss her. Auch der Verantwortliche einer Schule ist zunächst skeptisch. Verständlich, denn als eine Gruppe von 12 Personen, verantwortlich für Regie, Kamera, Beleuchtung und Technik, das Schulgebäude bei einem Vor-Ort-Termin quasi „stürmt“, wird deutlich, dass viele Änderungen in den Räumen und auf dem Gelände vorgenommen werden sollen. Im Gespräch wird man sich schließlich darüber einig, was geht und was nicht. Die Dreharbeiten finden in den Schulferien statt und beeinträchtigen daher den Schulbetrieb nicht. Letzten Endes sind nicht nur die als Komparsen beteiligten Schüler*innen stolz, dass ihre Schule im Tatort zu sehen ist.

Verantwortliche an einem Tisch

Drehen auf dem Schulhof (v.l.): Florence Kasumba und Maria Furtwängler. Foto: Christoph Mischke

Sperrungen nötig: Die Tatort-Entourage benötigt viel Platz. Foto: Christoph Mischke

Mit der Festlegung der Drehorte sind die Vorarbeiten noch lange nicht abgeschlossen. Weitere Genehmigungen müssen eingeholt, Straßensperrungen und Drohnenflüge beantragt, Parkplätze für die Versorgungsfahrzeuge gesucht und deren Strom- und Wasserversorgung sichergestellt sowie Haftungsfragen geklärt werden. Mir schwirrt der Kopf und ich beschließe, möglichst viele Verantwortliche aus der Verwaltung, von Polizei und Feuerwehr gemeinsam mit der Produktionsleitung an einem Tisch zusammenzubringen. Man lernt sich kennen, Informationen und Kontaktdaten werden ausgetauscht, mögliche Probleme besprochen. Das Fernsehteam profitiert von der geballten Ortskenntnis, die da versammelt ist, und die Kollegen haben alle den gleichen Sachstand. Weil das gut funktioniert hat, machen wir es auch bei den nachfolgenden Produktionen so.

Ansturm auf Statisten-Casting

Studierenden-Proteste: Tatort-Komparsen im Hörsaal der Uni. Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus

Einen regelrechten Ansturm verzeichnet die mit dem Casting beauftragte Firma, als sie über Social-Media-Kanäle und die örtliche Presse Statist*innen für den Tatortdreh sucht. Ich schaue mir das Treiben in der Stadthalle an und bin beeindruckt von der Professionalität, mit der das Casting und die damit verbundene Registrierung der Interessent*innen abläuft. Später, als Gast bei den Dreharbeiten, denke ich, dass sich sicher mancher Komparse die Arbeit am Set anderes vorgestellt hat. Die meiste Zeit wird nicht gedreht, sondern, so meine Wahrnehmung, gewartet.

Kommunikation ist extrem wichtig

Orientierung: Der „Floorplan“ zeigt die Standorte der Fahrzeuge. Abbildung: NDR

Nach viel Vorarbeit ist es dann irgendwann soweit: Die Dreharbeiten beginnen. Damit alle Akteure wissen, was wann passiert, werden detaillierte Pläne erstellt. Beim Dreh zeigt sich, dass diese, zumindest was die Terminierung angeht, oft nicht eingehalten werden können. An einem Tag soll im Papendiek gedreht werden. Andrea hat die Anwohner per Handzettel informiert und steht vor Ort persönlich für Nachfragen zur Verfügung. Eine Stunde nach dem geplanten Drehbeginn passiert noch immer nichts. Prompt klingelt Andreas Handy. Ein Anwohner fragt besorgt nach, „wo denn der Tatort bleibt“, er würde schon die ganze Zeit gespannt warten. „Information und Kommunikation sind extrem wichtig für die Akzeptanz der Dreharbeiten“, erklärt Andrea mir. Als der zweite Tatort in Göttingen gedreht wird, erlebe ich, wie Recht sie hat.

Filmteam wird überall unterstützt

Das verschwundene Kind: Preview mit Fans im CinemaxX. Foto: Christoph Mischke

Noch Fragen: Crew und Schauspielerinnen stellen sich dem Publikum. Foto: Christoph Mischke

Nicht nur die Göttinger Bevölkerung, auch die vielen Beteiligten aus den Behörden, der Universität und den anderen Institutionen stehen dem Projekt Tatort sehr aufgeschlossen gegenüber. Das Filmteam wird überall freundlich aufgenommen und unterstützt. Wie es aussieht, sind die Erfahrungen in anderen Städten nicht so positiv. Als Dankeschön können sich alle Mitwirkende über eine große Preview des ersten Göttingen Tatorts  im Göttinger CinemaxX freuen. Mit dabei die Hauptdarstellerinnen Florence Kasumba und Maria Furtwängler.

Der Tatort polarisiert

Nach der Ausstrahlung des ersten Göttingen-Tatorts „Das verschwundene Kind“ wird auch auf den Göttinger Facebook-Portalen heftig diskutiert. Das neue Ermittlerinnen-Duo polarisiert, und dass Charlotte Lindholm nach Göttingen strafversetzt wird, und die „Provinz“ schnell wieder verlassen möchte, kommt nicht überall gut an. Aber alles in allem freuen sich die Göttinger über „ihren“ Tatort.

Diskussion im Netz: Lindholm wurde in die Provinz strafversetzt. Foto: NDR/Christine Schroeder

Besonders viele Posts beschäftigen sich damit, an welchen Orten die einzelnen Szenen gedreht wurden. Bestes Beispiel: Der Streit der beiden Kommissarinnen auf der Brücke. Wo ist denn nun bloß diese Brücke? Ich staune, wie viele unterschiedliche Bauwerke dieser Art es augenscheinlich in Göttingen und Umgebung gibt. Als die Diskussion nahezu endlos zu sein scheint, mische ich mich ein und kläre auf: Die Brücken-Szene wurde in Hamburg gedreht, wie viele andere auch.

Nicht Göttingen, sondern Hamburg: die diskutierte Brückenszene. Foto: NDR/Christine Schroeder

Drehtage in Göttingen sind teuer

Auch wenn es sich um einen Göttingen-Tatort handelt, werden nicht alle Sequenzen tatsächlich in Göttingen gedreht. Von den 22 Drehtagen für „Das verschwundene Kind“ entfielen acht auf Göttingen. An 14 Tagen wurde in Hamburg gedreht, überwiegend in den dort beheimateten Studios, aber ein paar Szenen eben auch Outdoor. Ich fände es schön, wenn es mehr Drehtage hier vor Ort wären, aber nachdem man mir erklärt hat, warum das so ist, habe ich ein bisschen mehr Verständnis. Drehtage in Göttingen sind im Vergleich zu denen in Hamburg sehr teuer, weil zum Beispiel die gesamte Technik und der Begleittross nach Göttingen gebracht werden sowie Team und Schauspieler*innen vor Ort übernachten müssen.

Schule für Film umbenannt

Name geändert: Tom Wedrins, Direktor der KGS, am fiktiven Schulschild. Foto: Christoph Mischke

Ein weiteres beliebtes Diskussionsthema ist die Umbenennung von Straßen und Orten. Auch ich habe mich anfangs gefragt, warum das gemacht wird, fand die Erklärung dann aber einleuchtend: Zwar handelt es sich um einen Göttingen-Tatort, was man zum Beispiel am Stadtbild erkennen kann. Aber die Handlung des Films ist fiktiv und soll daher nicht bestimmten Göttinger Orten und Straßen zugeordnet werden. Daher wird unter anderem aus der Geschwister-Scholl-Gesamtschule die Alfred-Stern-Schule. Die Namensgebung erfolgt übrigens nicht einfach so. Im Vorfeld wird recherchiert und, wo möglich, zumindest ein Bezug zu Göttingen hergestellt. Alfred Stern zum Beispiel war gebürtiger Göttinger, er studierte und habilitierte in unserer Stadt. Es wäre also durchaus denkbar, eine Göttinger Schule nach ihm zu benennen.

Gastronom ist sauer

Wenige Göttingen-Szenen: Tatort „Krieg im Kopf“. Foto: NDR/Manju Sawhney

2019 werden sogar zwei Tatortfolgen in Göttingen gedreht. Bei „Krieg im Kopf“ ist Andrea anfangs wieder als Location-Scout im Einsatz. Die Suche nach geeigneten Drehorten ist sehr erfolgreich. Dann übernimmt ein neues Team und vieles ist anders als beim ersten Mal, auch im Bereich der Kommunikation. Mangels Informationen gibt es während der Dreharbeiten Beschwerden von Anwohner*innen über die vielen gesperrten Parkplätze. Auch der Betreiber einer Pizzeria in der unmittelbaren Nachbarschaft der Dreharbeiten ist sauer, als er seine Außengastronomie bei schönstem Sommerwetter mittags nicht öffnen kann. Was ich allerdings besonders schade finde ist, dass in Göttingen und Umgebung „aus Kostengründen“ insgesamt nur an vier Tagen gedreht wird.

Gymnasium wird zum Kommissariat

Jetzt Polizeidirektion: Das Max-Planck-Gymnasium wird Drehort. Foto: Hildmann-Schönbach

Göttingen-Tatort Nummer 3 wird am kommenden Sonntag, dem 26. April, gesendet. Für „National Feminin“ wurde wieder viel mehr in Göttingen gedreht. So viel sei verraten: Es gibt viel „Action“ und aufgrund des Einsatzes von Bengalos auf dem Max-Planck-Gymnasium, das in dieser Folge das Polizeikommissariat beherbergt, ist diesmal die Feuerwehr als Begleiter besonders gefragt – nur zur Sicherheit, nicht im Film. Das Zentrale Hörsaalgebäude und ein Studentenwohnheim kommen vor. Und die Tiefgarage, in der ich wochentags mein Auto parke und die ich kaum mehr wahrnehme, ist Schauplatz einer Szene.

“National Feminin”: Hörsaal-Szene mit Emilia Schüle (links). Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus

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Flexibilität und Dankeschön

Christian Krohn und Stefan Helmke, zuständig für die Produktions- und die Motivaufnahmeleitung, gefällt Göttingen sehr, aber vor allem sind sie begeistert von der Unterstützung durch die örtlichen Ansprechpartner und in diesem Fall auch von deren Flexibilität. Letztere ist gefragt, weil der Zeitplan der Dreharbeiten aufgrund einer Erkrankung im Schauspielerkreis plötzlich durcheinander gerät. Und einmal mehr heißt es für alle Beteiligten: Probleme sind da, um gelöst zu werden. Ich bin ein bisschen  gerührt, als ich nach Abschluss der Dreharbeiten in mein Büro komme und ein „Ortsschild“ mit den Unterschriften der Teammitglieder vorfinde. So ein „Dankeschön“ finde ich nun wieder alles andere als selbstverständlich.

Von allen signiert: ein Dankeschön des Tatort-Produktions-Teams. Foto: Christoph Mischke

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