Göttinger Kioske: Treffpunkt im Viertel

Sie werden Trinkhalle, Büdchen, Kaffeeklappe oder Seltersbude genannt. Sie sind im Kiez häufig die Retter in der Not. Ganz gleich, ob ihr Klopapier vergessen habt oder ob es euch zu nächtlicher Stunde in den Sinn kommt, einen Zitronenkuchen zu backen. Göttingens Kioske, und es gibt viele in der Stadt, bieten das Notfallprogramm, wenn ihr mal wieder etwas verpeilt habt – von der Zeitschrift bis zur Dosensuppe, vom Tabakpäckchen bis zum Brausepulver. Häufig sind sie Treffpunkt für das ganze Viertel. Hier wird geplaudert, gequatscht und diskutiert – über alles, was beschäftigt und bewegt. Wir haben uns in einigen Göttinger Spätis einmal umgeschaut.

Kiosk Amin: Etliche Stammkund*innen

Riesiges Sortiment: Kiosk Amin in der Goetheallee.

Nein, regelmäßige Kiosk-Kundinnen sind sie nicht. Anne und Verena studieren an der Uni und wollen im Kiosk Amin in der Goetheallee 6 nur fix eine Flasche Club-Mate und Zigarettenpapier besorgen. „Der Laden lag halt gerade auf unserem Weg“, sagen beide lachend. „Wir haben aber etliche Stammkunden, die regelmäßig bei uns einkaufen“, berichtet Kiosk-Co-Chefin Ute Beck. „Vielleicht liegt das an unserem riesigen Sortiment“, vermutet sie. Mag sein, denke ich. Jede Menge Weinsorten, Sekt und eine durchaus gut sortierte Spirituosenauswahl, die weit über Billig-Korn hinausgeht. Über 50 verschiedene Biersorten und Bier-Mixgetränke füllen die Kühlschränke. Nikotinjunkies finden, neben Kippen und Tabak, sogar Schnupftabak und E-Zigaretten.

„Jeder hilft dem Anderen“: Ute Beck vermisst die Touristen.

Gerade kommt Abdul Bassar vom gegenüberliegenden Imbiss L’Olivier hinein, um sich und seinen Leuten einen frischen Kaffee zu holen. „Wir haben hier im Viertel ein gutes Verhältnis“, sagt Ute Beck, „jeder hilft dem anderen.“ Sie vermisst in den Pandemiezeiten die Touristengruppen von Chines*innen und Japaner*innen, die sich immer auf ihre Ansichtskarten von Göttingen gestürzt hätten. Trotz ihres umfangreichen Angebots, muss sie manchmal auch passen. Bei den Tischtennisbällen beispielsweise, die ein paar Studis für ihren Bier-Pong kaufen wollten, oder bei dem Typen, der an einem Heiligabend mit einem Einkaufszettel vor ihr stand. „Der wollte“, sagt sie lachend, „doch tatsächlich eine Nasenhaar-Schere kaufen. Vermutlich ein Last-Minute-Geschenk.“

Miti Kiosk: Lebensberater und Seelentröster

Farbenfroh beleuchtet: der Miti Kiosk in der Roten Straße.

Weil sich Vater Arian etwas verspätet, lädt mich seine Tochter Mitra kurzerhand auf einen Kaffee ein. Nach ihrem Spitznamen ist der 2003 eröffnete Miti Kiosk in der Roten Straße 9 benannt. „Mithra“ bedeutet Licht oder Sonne und geht auf eine Gottheit im Persischen Reich zurück, erklärt sie mir. Über das Kiosk-Angebot möchte sie gar nicht sprechen, denn ihr und ihrem Vater sind die Menschen viel wichtiger. „Mein Papa hat hier ein großes soziales Netz geknüpft“, sagt sie, “er ist für viele wie ein Opa.“

Arian kann das nur bestätigen. „Ich bin Lebensberater und Seelentröster zugleich“, sagt er lächelnd, „ich werde nicht müde, mit Menschen zu reden.“ Vielleicht ist das auch der Grund, warum er seit 2008 seine Kund*innen, jedenfalls die, die das möchten, fotografiert und zu Jahres-Collagen zusammenstellt. Große Plakate im Eingangsbereich, die Hunderte von fröhlichen Besuchern zeigen, sprechen für den Erfolg dieser Aktion. Ich finde das bemerkenswert sympathisch. „Am 1. Juni geht die nächste Foto-Session los“, sagt Arian. Was bis jetzt noch keiner weiß: Noch in diesem Sommer wird Arian direkt nebenan seine persische Teestube eröffnen. Ich durfte schon einmal hineinschauen und es sieht sehr gemütlich aus.

Vater und Tochter: Miti und Arian setzen auf traditionelle christliche Werte.

Werte wie Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit sind ihm heilig und die erwartet er auch von seinen Mitarbeiter*innen. “Das, was man gibt, bekommt man auch zurück“, sagt er. Eine Begebenheit wird er niemals vergessen. Im März 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, erschien eine ältere Dame im Kiosk, die unbedingt etwas kaufen wollte, aber zwischen Tabak, Chips und Bier augenscheinlich nicht das Richtige fand. „Sie zeigte mir das Foto eines Mannes, den ich als Göttinger Medizin-Studenten wiedererkannte, der vor vielen Jahren bei mir Kunde war.“ Wie sich herausstellte, hatte der Mann, inzwischen als Arzt in Berlin tätig, seine Mutter beauftragt, seinen früheren Lieblings-Kiosk in der Pandemie zu unterstützen. „Die Dame hat dann für fast 50 Euro Magnum-Eis gekauft“, berichtet Arian sichtlich gerührt.

Niki-Kiosk: Komplettprogramm für Vergessliche

Kalte Getränke sind hier beliebt: Niki Kiosk in der Nikolaistraße.

Im Niki Kiosk in der Nikolaistraße 23 begrüßt mich Hamid. Ihm gehört der Laden – seit 19 Jahren. Während wir uns unterhalten, füllt er den Kühlschrankbestand mit Bier, Wasser und Tonic auf. „Meine Kunden möchten ihre Getränke immer kalt“, lächelt er. So auch Magda und Felix, die sich gerade an der Kühlung bedient haben. „Ich hatte Lust auf ein Bier“, sagt Felix, „deshalb sind wir hergekommen.“ „Und die Capri-Sonne“, möchte ich wissen. „Die ist für Magda, sie ist schwanger.“ Felix muss lachen, als er realisiert, dass er noch nie im Niki war, „obwohl wir gleich ums Eck wohnen.“ Auch bei Hamid gibt’s das Komplettprogramm für Vergessliche – von der Maxi-Schokoladentafel, über Tampons und Kondome bis zur Zahnbürste. „Die Guten“, sagt der Inhaber, „von Oral-B“.

Institution: Hamid steht seit 19 Jahren hinter dem Tresen.

Demnächst wird er auch Wattestäbchen ins Sortiment aufnehmen, weil ein Kunde danach verlangte und überhaupt nicht verstehen konnte, warum er ausgerechnet diesen Hygieneartikel nicht vorrätig hatte. Und er hat schon viel. Ich entdecke Kaffee, Nudeln und Dosenfisch. Damit kann man sich mal gut durch die Nacht oder über das Wochenende retten. Neben der Laufkundschaft vermisst der gebürtige Iraner derzeit vor allem die Studierenden. Nicht nur wegen des fehlenden Umsatzes, auch, weil da immer etwas los war. Vor einigen Jahren hätten ihn ein paar Sowi-Erstis beinahe aus der Fassung gebracht. „Da standen auf einmal Mädels und Jungs fast nackt bei mir im Laden und wollten einkaufen“, erinnert er sich an eine Studi-Wette während der O-Phase.

Keller-Kiosk: Man kennt sich seit Jahren

Laden und Paket-Shop: der Keller-Kiosk im Rosdorfer Weg.

Es ist Samstagabend, im Keller-Kiosk im Rosdorfer Weg 5 geht es zu wie im Taubenschlag. „Hast du stilles Wasser“, fragt eine junge Frau. „Ich möchte dunkelblauen Drum und grüne Gizeh“, verlangt der Nächste. „Nein, Cointreau hab‘ ich leider nicht“, bedauert Behfar, der seit der Eröffnung 1999 im Kiosk arbeitet. Es herrscht eine freundliche Stimmung, man kennt sich teilweise schon über viele Jahre. „Ich sehe die Kinder meiner Kunden groß werden“, sagt der gebürtige Iraner. „Viele studieren heute woanders und ich freue mich sehr, wenn ich sie während eines Göttingen-Besuch wieder treffe.“ Neben den Dingen, die man so zum Leben braucht, gibt es hier auch einen Paketshop von DHL, der ausgiebig genutzt wird. „Ich selbst habe noch nie etwas online bestellt“, sagt Behfar. „Wer das macht, muss sich nicht wundern, wenn es in der Stadt bald keine kleinen Geschäfte mehr gibt.“

Für jeden Geschmack etwas: das Getränkeangebot ist sehr vielfältig.

Behfar versucht, seinen Kund*innen stets etwas Besonderes zu bieten. Die Limonaden von Pyraser beispielsweise, in leckeren Geschmacksrichtungen wie Blutorange oder Mandarine-Mango, gibt’s in Göttingen, wie er sagt, nur bei ihm. Auch ausgewählte Gin- und Rum-Sorten hat er im Angebot. Wann findet man denn schon mal einen „Botucal“ aus Venezuela in einem Kiosk? Ich treffe Ralf, einen gebürtigen Göttinger, der jetzt in Hamburg lebt. „Immer wenn ich in Göttingen bin, schaue ich hier vorbei und kaufe etwas. Einen Kiosk zu betreiben ist ein hartes Business“, sagt er, „und ich finde es wichtig, diese kleinen Läden zu unterstützen. Die sind doch auch so wichtig für den kulturellen Austausch.“ Das sieht Behfar genauso. Äußerlichkeiten und Nationalitäten spielen bei ihm keine Rolle, denn: „Menschen sind Menschen.“

Falls keine weiteren Hinweise angegeben sind, gilt folgender Fotohinweis: Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke.