Kunsthaus Göttingen: Wir haben hinter die Kulissen geblickt

Im Jahr 2008 als Idee vorgestellt, hat sich im historischen Stadtkern, zwischen Düstere Straße, Nikolaikirchhof, Nikolai- und Turmstraße, das Kunstquartier Göttingen – kurz „KuQua“ entwickelt. Dessen Herzstück, das Kunsthaus Göttingen, ist nach zweieinhalbjähriger Bauzeit fertiggestellt. Am Montag, 15. März 2021, übergab die Stadt Göttingen das Haus offiziell an die neu gegründete Kunsthaus Göttingen Gesellschaft.

 

Herzstück des KuQua: das Kunsthaus Göttingen.

Zeitgleich mit seiner Eröffnung, die für Freitag, 14. Mai, geplant ist, zeigt das Haus zum Auftakt „You are the Weather“, eine umfassende Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin Roni Horn. Zwischen den großen Ausstellungen im Kunsthaus werden zukünftig sogenannte „Testläufe“ veranstaltet, die den Künstler*innen und Fotograf*innen die Chance geben, Präsentationsformen für ihre Arbeit zu erproben.

Offizielle Schlüsselübergabe (v. l.):  Joachim Kreuzburg (Sartorius), Gerhard Steidl, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Alfons von Uslar (Kunsthaus), Kulturdezernentin Petra Broistedt, Mark C. Schneider (Ottobock) und Dorle Meyer (Kunsthaus)

Ausstellungsformat „Testlauf“: „Vom Buch an die Wand“

120 Quadratmeter Ausstellungsfläche: einer von drei Galerieräumen des Kunsthauses.

Was wie ein nüchterner Begriff aus der Maschinentechnik oder wie eine Generalprobe klingt, ist in Wahrheit ein extrem spannendes, regelmäßiges Ausstellungsformat. Es sieht nämlich den persönlichen Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum vor. In diesem Format ist seit 16. März die Präsentation „Vom Buch an die Wand/From book to Wall“ zu erleben.

Noch vor der Eröffnung des Kunsthauses bekommt ihr Einblicke in die Arbeit des französischen Fotografen Gilles Peress und des Göttinger Verlegers Gerhard Steidl, inklusive einer Kuratoreneinführung per Video – coronabedingt ausschließlich online auf der Webseite des Kunsthauses. Ich durfte bereits vorab hinter die Kulissen des ersten Testlaufs schauen.

Mit-Kurator: Gerhard Steidl hat den Schriftzug zur Ausstellung selbst an die Wand geschrieben.

Nach einer kurzen Führung mit Nathalie Boes, verantwortlich für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit des Kunsthauses, betrete ich im Erdgeschoss eine der drei, jeweils 120 Quadratmeter großen Galerien. Erwartet habe ich eine Fotoausstellung, erlebt habe ich viel mehr als das, nämlich die Geschichte der Entstehung eines Buches. Erzählt von einem weltweit renommierten Fotografen und einem Verleger, der, ausgebildeter Siebdruck-Meister, an seine Bücher höchste Qualitätsmaßstäbe anlegt. Steidl ist außerdem ehrenamtlicher Gründungsdirektor des Kunsthauses und hat die Testlauf-Ausstellung in Zusammenarbeit mit Peress kuratiert.

Gilles Peress: Das ist sein Hintergrund

Wandfüllend: großformatige Peress-Fotos auf Büttenpapier gedruckt.

Um zu verstehen, welch gewaltiges Projekt sich hier zeigt, muss ich zuerst in die Vergangenheit reisen. Wir schreiben das Jahr 1972, Gilles Peress ist 26 Jahre alt und fotografiert in der nordirischen Stadt Derry das Massaker, das Teile der Britischen Armee an irischen Zivilisten verüben. Dieser 30. Januar 1972 geht in die Geschichtsbücher als „Bloody Sunday“ ein. In den 1980er Jahren kehrt der Fotograf nach Nordirland zurück. Er versucht, diesen augenscheinlich unlösbaren und immer weiter eskalierenden Konflikt zu begreifen, indem er mit seiner Kamera die Möglichkeiten der visuellen Sprache und Wahrnehmung ausschöpft. Tage voller Gewalt, Demonstrationen, Aufstände, Trauer, Arbeitslosigkeit. Im Kontrast dazu, Motive voller Spaß und Freude, die Iren nennen es „craic“. All das, was Menschen tun, um die hässliche Fratze des gewaltgeprägten Daseins zu vergessen und die eigene Situation erträglich erscheinen zu lassen. Die entstandenen Fotografien hat Gilles Peress 30 Jahre unter Verschluss gehalten. Ich würde ihn gerne fragen, warum.

Buch-Idee vor 20 Jahren

Video-Installation: Gerhard Steidl und Gilles Peress sprechen über ihr gemeinsames Buch.

Wir befinden uns zwar immer noch in der Vergangenheit und doch mitten im Hier und Jetzt der Galerie des Kunsthauses, denn bereits im Jahr 2003 hatte Peress mit Gerhard Steidl über eine Buch-Idee gesprochen. „Whatever You Say, Say Nothing“, der Titel geht auf ein Gedicht des irischen Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Seamus Heaney zurück. Diesen Satz trägt Peress auch auf seinem Unterarm tätowiert, wie die Ausstellung zeigt. Und sie beobachtet den fast 20 Jahre dauernden inneren Prozess der Entstehung des Buches.

Proofs, Druckbögen & Farbdosen

Gestapelt: Druckbögen mit Anmerkungen des Druckers.

“Highbody-Black”: Farb- und Lackdosen geben einen Einblick in die Produktion.

Wer also schon immer einmal wissen wollte, wie ein, in diesem Fall sehr spezielles, zweibändiges Buch entsteht, ist beim „Testlauf“ genau richtig. Die Exponate geben Auskunft. Riesige Stapel von Druckbögen liegen auf hölzernen Paletten, die handgeschriebenen Notizen des Druckers klemmen immer noch zwischen den unterschiedlichen Abschnitten, und geben Einblicke in die Produktion. Prüfdrucke, sogenannte Proofs, das sind simulierte Ergebnisse vor dem eigentlichen Druck, um eventuelle Fehler frühzeitig zu erkennen, füllen collagenartig fast eine komplette Wand des Raumes. Farbdosen in „Highbody Black“ und „Cool Grey 11“, Behälter mit halbglänzendem Veredlungslack und die originalen Druckplatten aus matt schimmerndem Aluminium lassen Rückschlüsse auf einen aufwendigen Druck zu.

Nichts dem Zufall überlassen

Büchermacher aus Leidenschaft: Gerhard Steidl

Konsequent: Ebenso aufwendig wie das Buch, ist auch die Verpackung produziert. Foto: Steidl

Nach und nach nimmt das Buch in den Folgejahren Gestalt an und der Aufwand, den Peress und Steidl betreiben, ist immens. Die analogen Abzüge des Fotografen werden gescannt, Staubpartikel digital wegretouchiert und Farben, ja, das funktioniert auch bei den Grauwerten der Schwarz-Weiß-Fotografien, werden behutsam korrigiert. Gemeinsam legen die beiden die Typographie fest, will heißen: die Schrift – sowohl nach funktionalen, als auch ästhetischen Aspekten. „Nichts bleibt dem Zufall überlassen“ bestätigt mir Gerhard Steidl, „weder beim Buch, noch beim Verpackungsdesign.“ Die Bücher sind nach Ostern in bedruckten Pappschachteln und einer eigens gestalteten Tragetasche erhältlich. Dazu gehört der Almanach „Annals of the North“, der versucht, den Jahrhunderte währenden Konflikt seit den ersten Kolonialisierungen Nordirlands einzuordnen, denn die Buchbände selbst sind textfrei.

„London Calling“ – der Soundtrack

Das F-Wort: Protest hat viele Ausdrucksformen.

Der erste Gast: Gerhard Steidl zeigt Fotograf Mitch Epstein die Ausstellung.

Soundtrack: Der Bandname “The Clash” bedeutet auf Deutsch “der Zusammenprall”.

„Nur die Texte und Textfragmente auf den Fotos erzählen dir, wo du dich in diesem politischen Konflikt befindest“, erklärt Steidl während einer kurzen Führung mit dem New Yorker Fotografen Mitch Epstein. Dazu schallt „London Calling“ von „The Clash“ aus dem Lautsprecher des kleinen Koffer-Plattenspielers, der Teil der Ausstellung ist. Der Soundtrack zu den Bildern.

Leidenschaft und Perfektionismus

Spannung: 30 Jahre hielt Gilles Peress die gezeigten Fotografien unter Verschluss.

Um das Papier auszuwählen, gab es bereits 2019 die ersten Testläufe auf der Druckmaschine. Nach den finalen Korrekturen wurde die Freigabe erteilt und die gesamte Auflage wurde innerhalb von vier Monaten gedruckt. In dieser Zeit hielt sich Gilles Peress in Göttingen auf und nahm gemeinsam mit Gerhard Steidl im Zweischicht-Betrieb jeden Bogen ab. Dabei liefen über dreißig Tonnen Papier durch die Maschine. Von diesem Perfektionismus, diesem Engagement und dieser augenscheinlichen Leidenschaft bin ich schwer beeindruckt.

Roh und ungeschliffen

Jenseits von Rahmen und Passepartouts: Proofs als Collage an die Wand geklebt.

Mit Strukturen gespielt: Fotografien als Leporello angeordnet.

Und die Bilder selbst? Sie werden, sämtlich ungerahmt, nicht nur in den bereits erwähnten Proofs gezeigt, sondern sie finden sich auch in den gestapelten Druckbögen, Druckplatten und den Buchdummies wieder. In unterschiedlichen Techniken, hier mit Klebestreifen an die Wand gepinnt, dort als senkrechter Leporello an der Wand oder, waagerecht, im Zickzack übereinander gestapelt. Mosaik nennt es Steidl. Zwölf großformatige Bilder wurden auf Büttenpapier gedruckt und fordern den Betrachter wandbreit auf, sich auf scheinbar Gegensätzliches einzulassen. Bei genauer Betrachtung allerdings wird angeblicher Widerspruch zur Konsequenz – eines bedingt das Andere. So penibel die Produktion war, so roh und ungeschliffen wirkt die Ausstellung und entfaltet dadurch ihren Reiz. „Wir haben hier mit Strukturen gespielt und Darstellungsformen jenseits von Bilderrahmen und Passepartouts ausprobiert“, sagt der Direktor. In dem Wissen, dass diese Ausstellung rund um den Globus gezeigt werden wird, verlasse ich das Kunsthaus mit dem Gefühl, etwas Einzigartiges erlebt zu haben und freue mich auf alles, was da noch kommt.

Foto- & Videocredits

Falls keine weiteren Hinweise angegeben sind, gilt folgender Fotohinweis:

Göttingen Tourismus und Marketing / Mischke