Was Otto von Bismarck mit Göttingen zu tun hat

Wenn ich in der Göttinger City unterwegs bin, gönne ich mir ab und zu ein Fischbrötchen, gerne mit Bismarck-Hering. Jedes Mal stelle ich mir die Frage, was der ehemalige und erste Deutsche Reichskanzler, um alles in der Welt, mit einem Seefisch zu tun haben könnte. Die Herkunft des Namens ist definitiv nicht eindeutig zu klären und es gibt mindestens ebenso viele unbelegte Geschichten dazu, wie ein Hering Gräten hat. Fakt ist allerdings, dass der spätere „Eiserne Kanzler“ an der Georgia Augusta als Student der Rechte und Staatswissenschaften eingeschrieben wurde – von Mai 1832 bis zum Herbst 1833. Viel Wissenswertes darüber erfahren Interessierte auch in der Themenführung „Bismarck in Göttingen – Die Studienjahre des Eisernen Kanzlers“, die Göttingen Tourismus hoffentlich bald wieder anbieten darf, wenn die coronabedingten Restriktionen weiter gelockert werden.

Drei Semester in Göttingen

Mit Bleistift portraitiert: der junge Bismarck als Student. Zeichnung: Christian Wilhelm Allers

In seiner kurzen Studienphase über drei Semester, hat Student Bismarck Göttingen allerdings recht ordentlich aufgemischt. „Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens“, soll er seinen Kommilitonen des Corps Hannovera zugerufen haben. Nun, wie wir alle wissen, ist der zweite Teil des Satzes ja in Erfüllung gegangen. Im September 1862 wurde Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, so sein voller Name, von König Wilhelm I. zum preußischen Ministerpräsidenten berufen. Im kleindeutsch-großpreußischen Kaiserreich von 1871 fiel ihm dann, wie selbstverständlich, auch die Position des Reichskanzlers zu. Dass er es jemals so weit bringen würde, hätten in seiner Göttinger Phase wohl die Wenigsten seiner Zeitgenossen geglaubt.

Bismarck beklagte sich

Bismarcks Studienort: Die Universitäts-Aula am Wilhelmsplatz. Foto: Christoph Mischke

Die Göttinger Universität genoss, damals wie heute, einen hervorragenden Ruf. Sie beheimatete viele berühmte Professoren und die städtische Gesellschaft galt als besonders vornehm und weltoffen. Eine Gesellschaft, in der sich der junge Bismarck zunächst nicht sonderlich wohl fühlte. In Briefen, die er aus seiner Wohnung in der Roten Straße an seinen Bruder Bernhard schrieb, beklagte er sich. „Ich langweile mich auf eine ganz unerhörte, polizeiwidrige Weise; man lebt hier ungemein beschränkt, auf jeden Schritt beobachtet von Pedellen, Polizisten und Landdragonern.“

Rauf- und trinkfreudig

Schlagende Verbindung: Historisches Foto des Corps-Hannovera-Hauses. Foto: privat

Wahrscheinlich plagte ihn das Gewissen, denn den Überlieferungen zufolge legte er als Mitglied des Corps Hannovera, einer schlagenden Studentenverbindung, ein rauf- und trinkfreudiges Benehmen an den Tag. Mit dem Besuch von Lehrveranstaltungen hielt er es wie mit seiner Lernphase zur Gymnasialzeit zuvor: eher nachlässig. Des Öfteren führte sein Lebensstil zu Verdruss bei der Obrigkeit und zog einige Strafen für die Störung der öffentlichen Ordnung nach sich – so etwa zu einem 18-tägigen Aufenthalt im Karzer.

Sinnsprüche und Lebensweisheiten

Im Rahmen von Stadtführungen zugänglich: Der Karzer der Universität. Foto: Christoph Mischke

Die alte Zelle, in der Bismarck einsaß, im ehemaligen Konzilienhaus in der Prinzenstraße, ist leider nicht mehr erhalten. Nur die Zellentür hat die Zeit überdauert und wird im Bismarckhäuschen am Stadtwall  ausgestellt. Der Karzer im Gebäude der Universitäts-Aula am Wilhelmsplatz hingegen, ist, nach einer aufwendigen Restaurierung 2007, normalerweise im Rahmen von Stadtführungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch, den ich euch unbedingt empfehle, wenn es die coronabedingten Beschränkungen wieder zulassen. Ihr könnt dort insgesamt acht historische Karzer-Räume besichtigen – in einem der besterhaltenen Universitätsgefängnisse Deutschlands. Diese Zellen atmen immer noch den Geist des Studentenlebens im 19. Jahrhundert. Schaut euch an, mit wie viel Intelligenz, Witz und Sarkasmus sich die Insassen dort verewigt haben. Inschriften, Namenszüge, Sinnsprüche, Lebensweisheiten, ja sogar kleine Gemälde haben die durch Unfleiß oder Trunkenheit Auffälligen an Wänden, Türen und Fenstern hinterlassen.

Ein Dorn im Auge

Am Wall: In diesem ehemaligen Wehrturm wohnte Bismarck zur Miete. Foto: Christoph Mischke

Einmal ganz abgesehen von seiner Karzerstrafe, war Bismarck der Obrigkeit aufgrund seines Lebenswandels ein ziemlicher Dorn im Auge. Es wird berichtet, dass er seine Innenstadtwohnung aufgab, um fortan in einem Gartenhäuschen an den Wallanlagen zur Miete zu wohnen – wohl nicht ganz freiwillig. Ich bin auf meinen Innenstadt-Touren häufig auf dem Wall unterwegs, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man früher von hier aus weit in die Landschaft des Leinetals schauen konnte.

Im Leinekanal gebadet

Gebadet: Das Bismarckhäuschen liegt unmittelbar am Leinekanal. Foto: Christoph Mischke

Bismarck soll diese Wohnlage sehr genossen haben und hat wohl auch häufig im benachbarten Leinekanal gebadet. Jedenfalls hat er es später, als Reichskanzler, so erzählt. Der heute „Bismarckhäuschen“ genannte ehemalige Wehrturm ist bei Einheimischen wie Touristen ein beliebtes Fotomotiv und kann im Rahmen von Stadtführungen auch hoffentlich bald wieder von innen besichtigt werden. In den Jahren 1985/86 wurde die Räume neu gestaltet und mit einer Dokumentation ausgestattet, die insbesondere über die Geschichte des Häuschens, Bismarcks Studentenleben und den Denkmalkult in Göttingen informiert.

Ausflugsziel Bismarckturm

Bei Göttingern und Touristen beliebt: Der Bismarckturm. Foto: Christoph Mischke

Kult trifft es, glaube ich, ganz gut. Zu Bismarcks Lebzeiten und auch nach seinem Tod wurden in den Gebieten des damaligen Deutschlands allerwärts Monumente zu Ehren des „Eisernen Kanzlers“ errichtet. Auch Türme, Säulen, Brunnen, Parkanlagen, die mit dem Namensgeber absolut nichts zu tun hatten, wurden inflationär nach ihm benannt. Da bildet Göttingen keine Ausnahme. Den Bismarckturm, das beliebte Ausflugsziel im Göttinger Stadtwald, kenne ich schon seit frühester Kindheit. Leider wurde er in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie noch nicht geöffnet.

Reichskanzler war nie dort

Wendeltreppe führt hinauf: Aussichtsplattform in über 30 Metern Höhe. Foto: Christoph Mischke

Büste und Gedenktafeln: Bismarck-Gedächtnishalle im 2. Obergeschoss. Foto: Christoph Mischke

Entgegen landläufiger Meinung hat der Reichskanzler den Turm auf dem Kleper, das ist der höchste Punkt des Hainbergs, niemals besucht. Weder zur Eröffnungsfeier am 18. Juni 1896, noch später. Einzig seine Genehmigung, das Bauwerk nach ihm zu benennen, ist überliefert. Unter anderem schrieb er: „Ich danke für die Ehre, welche mir durch die Benennung des Turmes erzeigt wird.“

Grandiose Aussicht

Von oben: Grandioser Ausblick über Göttingen und das Leinetal. Foto: Christoph Mischke

Unzählige Male bin ich mit meinen Eltern und meiner Schwester dort gewesen, meist als Abstecher vom Wildgehege am Kehr, wo wir am damaligen Restaurant Hainholzhof noch ein Eis bekamen. Immer wieder haben wir die engen Stufen der Wendeltreppe gezählt, ich meine, es sind 170, bis wir endlich auf der oberen Plattform angekommen waren. Dort haben wir aus über 30 Metern Höhe die grandiose Aussicht über Göttingen und das Leinetal genossen. Runtergespuckt haben wir Kinder übrigens auch, heute kann ich es ja sagen.

Hexenpfennige und Opa-Lächeln

Von ganz oben: Der Bismarckturm aus dem Gyrokopter gesehen. Foto: Christoph Mischke

Unser achtjähriger Sohn Hannes, mit dem wir schon ein paarmal auf dem Turm waren, wird das auch gemacht haben, und meine Frau und ich haben es genau so wenig bemerkt, wie meine Eltern damals. Ich entsinne mich noch gut an den älteren Herrn mit dem Bart und dem Hut mit der breiten Krempe, der unten an der Kasse saß. Er hatte immer so ein gütiges Opa-Lächeln und ein nettes Wort für uns Kinder übrig, wenn er die Eintrittskarten abriss. Und an die Hexenpfennige, die es am Fuß des Turms zuhauf gab, erinnere ich mich auch. So wie ich als Kind seinerzeit nach diesen versteinerten Stielen von Seelilien gesucht habe, kratzt heute Hannes nach den Versteinerungen. Manche Dinge haben halt Bestand. Vor ein paar Jahren habe ich für die örtliche Presse sogar mal eine Reportage über den Schornsteinfeger geschrieben, der im regelmäßigen Turnus auch im Bismarckturm den Kamin reinigt.

Die Göttinger sagen Elefantenklo

Als Feueraltar erbaut: Der Bismarckstein oberhalb des Klausbergs. Foto: Christoph Mischke

Das dritte Göttinger Bauwerk, das den Namen des ehemaligen Reichskanzlers trägt, den Bismarckstein, kenne ich seit Kindertagen eigentlich nur unter seiner volkstümlichen Bezeichnung „Elefantenklo“. Ich habe mich immer gefragt, wozu dieses steinerne Trumm eigentlich einmal gebaut wurde. Recherche hilft. Studenten hatten den Bau dieses als Bismarck-Feueraltar gebauten Klotzes angeregt und beschlossen. Eine große Feuerschale war früher auf der Plattform installiert, und der Sockel war von sechs Pfeilern umgeben, die ebenfalls Feuerschalen trugen.

Der beste Spielplatz

Bögen und Gewölbe: das Innere des Bismarcksteins. Foto: Christoph Mischke

Versteckt: Eine kleine Inschrift ist der einzige Hinweis auf Bismarck. Foto: Christoph Mischke

Sie wurden anfänglich regelmäßig zu den Sonnenwendfeiern angezündet. Aufgrund von vielfachen Beschädigungen und Baufälligkeit wurden die Pfeiler in den 50er-Jahren, die mittige Feuerschale in den 70er-Jahren entfernt. Danach wurde der Bismarckstein noch einige Male von der Stadt saniert. Als kleiner Junge habe ich dort häufig mit meinen beiden Cousins, die ganz in der Nähe wohnten, herumgetobt. Der Steinklotz war für uns der beste Spielplatz, den wir uns vorstellen konnten. Das war eine tolle Zeit.

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