Die Göttinger Straßenbahn: Beinahe wäre sie gefahren

Neulich ging ich auf dem Weg zur Buchhandlung die Weender Straße entlang. Ich muss wohl ziemlich geistesabwesend unterwegs gewesen sein, denn plötzlich riss mich am Nabel ein schrilles Klingeln aus meinen Gedanken. Ich konnte eben noch zur Seite springen und der Straßenbahn ausweichen, die gerade von der Prinzenstraße in unsere Haupteinkaufsmeile abbog. Glück gehabt, dachte ich, das war knapp.

Zugegeben, diese kleine Begebenheit ist frei erfunden, aber sie hätte durchaus wahr sein können, wenn, ja wenn Göttingen vor über 100 Jahren seine Straßenbahn bekommen hätte. Vorstöße und Pläne dafür gab es reichlich. Zahlreiche Anträge wurden im Lauf der Zeit gestellt, eine Vermittlungs-Kommission gegründet und Verträge unterzeichnet. Über 400 Tonnen Schienen und Weichen lagen schon unmittelbar zum Verlegen bereit. Doch dann besiegelte der Erste Weltkrieg das Ende des modernen Transportmittels in der Uni-Stadt.

Ein fast vergessenes Projekt

Vorstellungskraft: Auf dieser Fotomontage war die Bahn schon in Betrieb. Foto: Städtisches Museum

Dass es in Göttingen beinahe einmal eine Straßenbahn gegeben hätte, war mir bis vor wenigen Wochen nicht bekannt. Unser Gästeführer Jörg Scharmach, der mir schon einige wunderbare Anekdoten aus Göttingen erzählt hat, hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Echt spannend einerseits, und echt schade andererseits, wie ich finde. Hätten wir damals eine Tram bekommen, würde sicher so manche verkehrspolitische Diskussion heute anders verlaufen. Natürlich wollte ich mehr über dieses „vergessene“ Projekt wissen. Vor allem, wer das Vorhaben initiiert hat und wie der Streckenverlauf geplant war.

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Eine Elektrische in der Göttinger Altstadt

“Cassel”: So hätten auch unsere Bahnen aussehen können. Foto: Kasseler Verkehrsgesellschaft

Bei meiner Recherche stieß ich auf Sven Schreivogel, gebürtig aus Grone und Sohn eines Eisenbahners. Das Thema „Straßenbahn in Göttingen“ beschäftigt den Hörbuchproduzenten und Hobby-Historiker, wie er sich selbst nennt, schon seit Kindertagen. „Anfang der 1980er-Jahre erzählte ein Kollege meines Vaters, dass früher eine ‚Elektrische‘ in der Altstadt verkehrte“, berichtet Sven. „Auch vom Quietschen der Räder in engen Kurven, hat er gesprochen, „und sogar von der Entgleisung eines Triebwagens an der Ecke Groner Straße/Nikolaistraße.“ Sven war nun extrem neugierig geworden und begann eigene Nachforschungen anzustellen. 1992 veröffentlichte er seine Ergebnisse schließlich in einem kleinen Büchlein. Die regionale Presse griff das Thema auf, und die Broschüre fand reißenden Absatz. Inzwischen ist sie längst vergriffen.

Viele Anläufe scheiterten

Umfangreiche Recherche: Die Broschüre von Sven Schreivogel. Foto: Schreivogel

Wie ich erfuhr, gab es im Lauf der Jahrzehnte in Göttingen ziemlich viele Pläne für ein schienengebundenes Nahverkehrsnetz. Der erste Antrag auf Konzession einer Pferdebahn wurde bereits 1881 von Oscar Graf von Reichenbach gestellt. Einige weitere sollten folgen – für eine Pferdebahn, eine Gasbahn und auch die Elektrische. Die meisten Anträge stießen bei Magistrat und Bevölkerung auf reges Interesse, verschiedene Systeme wurden beraten, Streckenverläufe geplant, kalkuliert und auch wieder verworfen. Wie‘s halt so ist. Mich interessiert aber vor allem der letzte Vorstoß, der im Jahr 1913 seinen Anfang nahm.

Sofortiger Bau der Straßenbahn

Göttingen um 1913: Pferdekutschen dominieren das Stadtbild. Foto: Städtisches Museum

Um diese Zeit gab es im gesamten deutschen Reich nur noch zwei Städte über 35.000 Einwohner, die keine Straßenbahn besaßen – eine davon war Göttingen. Eine Tatsache, die den Stadtvätern so überhaupt nicht schmeckte. Am 1. November 1913 schlossen sie einen Vertrag mit dem Ingenieur A. Hecker aus Wiesbaden als Sachverständigem und Berater bei der Planung einer elektrischen Straßenbahn. Nach einigen gescheiterten Kooperationen und aufgrund günstiger Kostenprognosen wollte die Kommune die Bahn nämlich nun in Eigenregie bauen und betreiben. Die Straßenbahnkommission unter Baurat Friedrich Jenner arbeitete ein drei Linien umfassendes Konzept aus. Am 27. April 1914 wurde der Vorschlag von Magistrat und Bürgervorsteher-Kollegium einstimmig angenommen und der sofortige Bau der Straßenbahn beschlossen.

Drei Linien sollten fahren

Vollbildanzeige, klick auf die Linien für mehr Details. Zur Karte mit den ursprünglichen Straßennamen.

Linie 1 (blau)

Gemarkung Weende, Weender Chaussee, Weender Straße, Kornmarkt, Groner Straße, Groner-Tor-Straße, Groner Chaussee, Eisenbahnübergang. Damit ist die Bahnbrücke an der neuen Sparkassenzentrale gemeint. Auch wenn sie nach heutigen Maßstäben nicht so extrem wirkt, für damalige Verhältnisse war sie es. Nach ihrem Neubau, der 1922 beendet wurde, sollte sie, mit 16 Metern Breite, zwei Fahrbahnen, zwei Fußwegen und einer zweigleisigen Straßenbahn Platz bieten. Es war geplant, die Linie 1 bis zum Stadtfriedhof zu verlängern. Wenn ihr im alten Stadtplan den Begriff „Chaussee“ durch „Landstraße“ ersetzt, wisst ihr, wie die Straßen heute heißen.

Linie 2 (rot)

Endstation Geismar Landstraße: Hier stand einst die Lüttich-Kaserne.

Bahnhof, Alleestraße (die heutige Goetheallee), Prinzenstraße, Weender Straße, Kornmarkt, Groner Straße, Nikolaistraße, Bürgerstraße, Reinhäuser Chaussee, Feuerschanzengraben, Geismar Chaussee, Neue Kasernen. Das waren die spätere Wörth- und die Lüttich-Kaserne in der Geismar Landstraße. Dort, wo die Gothaer Versicherungen später ihren Sitz hatten.

Linie 3 (grün)

St. Paulus mit Bahnanschluss: Linie 3 sollte durch die Wilhelm-Weber-Straße fahren.

Bahnhof, Alleestraße, Prinzenstraße, Theaterstraße, Theaterplatz, Bühlstraße, Wilhelm-Weber-Straße, Dahlmannstraße, Herzberger Chaussee, Theaterplatz, Theaterstraße, Prinzenstraße, Alleestraße, Bahnhof. Das ist die Strecke, die ich mir, bei aller Phantasie, am wenigsten vorstellen kann. Hätte sich das heute so beschauliche Ostviertel, die 1A-Lage in Göttingen, genauso entwickelt, wenn dort zwischen 6 und 23 Uhr im geplanten Zehn-Minuten-Takt eine Tram durchgerumpelt wäre? Wir werden es wohl nie erfahren. Andersherum hätte die derzeit in Sanierung befindliche Stadthalle heute eine Top-ÖPNV-Anbindung.

„Städtische Straßenbahn Göttingen“ gegründet

Eigene Gesellschaft: Briefkopf der Städtischen Straßenbahn Göttingen. Foto: Städtisches Museum

Irgendwie schien das früher schneller zu gehen als heute. Am 10. Juni 1914 wurde die „Städtische Straßenbahn Göttingen“ gegründet und bereits am 29. Juni begannen die Pflasterungsarbeiten in der Weender Straße. Fun Fact: Es sollte sogenanntes „geräuschloses Pflaster“ verwendet werden. Mich hat es an den heutigen „Flüsterasphalt“ erinnert, war aber nichts anderes als Stampfasphalt, der aber, im Gegensatz zum damals üblichen Kopfsteinpflaster, deutlich leiser war. Allerdings war er auch teurer. Deshalb wurden die betroffenen Anlieger zur Finanzierung herangezogen. Tja, Straßenausbaubeiträge gab es früher auch schon, denke ich.

Einhundert Meter Schienen pro Tag

Zehn-Minuten-Takt: Auszüge des Fahrplans der Göttinger Straßenbahn. Foto: Schreivogel

Und Einwände natürlich auch. Der Unmut darüber, dass der Starkstrom der Bahnen die Erforschung des Erdmagnetismus gefährde, dass lautstarke Fahrgeräusche die Genesung von Patienten verhindere oder schlichtweg, dass der Schmutz und Schlamm während der Bauarbeiten geschäftsschädigend wirke, konnte beschwichtigt werden. Die Stadt versicherte den aufgebrachten Anwohnern, dass dieser Zustand bald beendet sein würde, da pro Tag etwa einhundert Meter Schienen im Pflaster verlegt werden könnten. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen.

Der Erste Weltkrieg besiegelte das Ende

Angerostet: Verkaufsanzeige für die Schienen, Weichen und Spurstangen. Foto: Schreivogel

Deutschland stieg mit seiner Kriegserklärung an Russland am 1. August 1914 in den Ersten Weltkrieg ein, der auch das Ende des modernen Verkehrsmittels für unsere Stadt besiegelte. Mangels finanzieller Mittel in der Nachkriegs-Phase scheiterte auch ein weiterer Plan, mit den verbleibenden Schienen nur eine Strecke zu bauen. Die inzwischen angerosteten Schienen und Weichen wurden zur teilweisen Deckung der bereits angefallenen Kosten verkauft. Da die Einrichtung einer elektrischen Bahn in Göttingen vorerst in weite Ferne gerückt war, gab es keine Bedenken gegen die Vergabe einer Konzession für privaten Kraftomnibusverkehr, die der Fuhrwerkbesitzer Kulp im Jahre 1925 beim Magistrat beantragt hatte. Am 27. September 1927 übernahm die Stadt Kulps Konzession und den Fahrzeugpark und gründete den „Städtischen Kraftwagenbetrieb Göttingen“. Von nun an ging es in Göttingen nur noch um Omnibusse.

Eine Bahn, die nie gefahren ist

Wunschvorstellung und Wirklichkeit: Statt einer elektrischen Straßenbahn setzte Göttingen…

.. für die Zukunft auf den Betrieb von Omnibussen. Fotos: Städtisches Museum

„Es ist wirklich faszinierend“, verrät mir Sven Schreivogel, „bei meinen Recherchen bin ich immer wieder auf Menschen gestoßen, die sich todsicher waren, dass in Göttingen eine Straßenbahn gefahren ist. Genau wie damals der Kollege meines Vaters, behauptete auch Karl-Heinz Plikat, seinerzeit geschäftsführender Redakteur des Göttinger Tageblatts, über die Schienen gestürzt zu sein.“ Seine Zeitung schrieb am 6. Oktober 1972 „…die Fundamente für die Schienenstränge sowie die ersten hundert Schienen wurden gelegt und erst nach Jahren mit einer Hartgussasphaltdecke überzogen.“ Sven Schreivogel weiß es besser: „Nein, das stimmt nicht“, verrät er mir, „es wurden keine Schienen verlegt, aber Göttingen kann für sich das Phänomen in Anspruch nehmen, eine Straßenbahn besessen zu haben, die nie gefahren ist.“

Die erste und wohl auch letzte Bahn in der City: die Spiel-Lokomotive in der Fußgängerzone.

Foto- & Videocredits
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